Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Das gilt nicht nur im täglichen Leben, sondern auch für die moderne computergestützte Containerschifffahrt. Auf dem Papier fährt sie nach Fahrplan. Nur richten sollte man sich danach nicht ganz. Zumindest gilt das für potenzielle Passagiere. „Shore leave expire: 2.3., 00“ – so steht es auf der Tafel neben dem Schiffsbüro in Kreidelettern, unterzeichnet mit „C/O“, darunter „Cpt“. Soll heißen: Alle an Bord um Null Uhr, Auslaufen zwei Stunden danach. Chief officer im Auftrag des Kapitäns. Wann ist das soweit gewesen?
Doch schon um Mitternacht. Das breite Doppelbett fängt an, heftig zu vibrieren oder besser: die Maschine im „Keller“. Soll es jetzt tatsächlich losgehen? Durch die vier Fenster flutet das warme Lichtermeer der Kanarenhauptstadt Las Palmas ins geräumige Wohnzimmer. Mit Fernblick aus rund 30 Meter Höhe. Der Vollmond direkt über dem Frachter hat sich wie angekündigt genau um diese Zeit verkrochen: Er glänzt mit seltener Totalfinsternis. Ein Fingerzeig? Auf der vorigen Reise ankerte „MSC Geneva“ drei Tage vor Kapstadt. Wegen Sturm war das Einlaufen unmöglich. Da kann man schnell seinen Rückflug verpassen, wenn man keine Rundreise machen möchte.
Die Reise beginnt, ein bewegter Traum mit einer gehörigen Portion Neugier.
Zwischen Pier und Bordwand verbreitert sich der schwarze Wasserspalt im Zeitlupentempo. Die Kaimauern ziehen sich demütig zurück. Knapp unter dem Steven zerrt ein kräftiger Bugsierer den 275 Meter langen 63.638-Tonnen-Koloss nach Steuerbord, am Heck sein Kollege in Gegenrichtung. „MSC Geneva“ wird sozusagen auf dem Teller gedreht. Das lässt sich auch der allmählich wieder aus dem Erdschatten tretende Mond nicht entgehen.
Gut eine halbe Stunde dauert es, bis die Schlepper loswerfen und das Lotsenboot längsseits geht. Ganz allmählich bringt Chief Dietrich Jürgensen seine 54.320-PS-Maschine auf Touren. Die quirlige Hafenstadt fällt bald in der schäumenden Hecksee als schwacher Schein hinter den Horizont zurück. Auftakt eines langen Törns - mit dem Generalkurs immer nach Süden, unaufhaltsam durch die Wasserwüste.
Touristengucken und Kapitänsauftrag
Beim Mittagessen am nächsten Tag erfahre ich von Kapitän Schneider, wie er den Auslaufzeitpunkt so exakt bestimmen konnte: „Als der letzte Container an Bord kam, so gegen 22 Uhr. Dazu das Laschen. Das Ganze hat noch mal rund eineinhalb Stunden gedauert“. Informationen aus erster Hand. Derweil musste Chief mate/Erster Offizier Udo Wölms die Papiere entgegennehmen und auf Richtigkeit hin checken. Gegen ein Uhr konnte er sich endlich in die Koje legen, denn ab sechs Uhr musste er wieder seine Brückenwache antreten. „Ich habe das so eingeteilt“, erklärt mein Stralsunder Bekannter, „weil wir hier mit vier Nautikern fahren“. Nach dem Dinner reicht die Zeit noch für ein südafrikanisches Willkommens-Bier.
Den Liegetag im sonnigen Las Palmas nutzen wir beide für einen ausgiebigen Landgang: mit Bummel durch die Altstadt, Bankpause und lästerlichem Touristengucken, Baden im Atlantik. Zum Abschluss gönnen wir uns ein Mittagessen samt kühlem Bierchen auf der Strandpromenade unter Palmen. Doch Udo Wölms hat noch einen Auftrag von Kapitän Andreas Schneider zu erledigen: Brötchen einkaufen. „Die sind“, so der Chief mate, „bei der letzten Versorgung nicht dabeigewesen“. Der Supermarkt wird gnadenlos leergekauft. Bepackt mit einem riesigen nach frischem Brot duftenden Plastiksack geht es per Taxi wieder zum Hafen. Der Wachmann am Tor zum Containerterminal winkt uns lässig durch. Sicherheitsvorschriften? Vergiss sie! Locker hätten wir alles andere als harmlose Baguettes einschmuggeln können.
Das Laden und Löschen läuft nur schleppend. Schließlich ist Samstag.
Spanische Rechnung ohne uns
Eigentlich hätte ich schon am Donnerstag an Bord sein müssen. In den vorangegangenen Häfen Antwerpen, Felixstowe, Le Havre und Sines klappte alles wie am Schnürchen. „Da waren wir sogar früher fertig“, ergänzt Wölms. Ich hielt ständig Kontakt zum Schiff und zum NSB-Reisebüro in Bremen. Schließlich erfuhr ich, dass es ab Las Palmas doch erst am Freitag Abend losgehen würde. Nach einigem Hin- und Herüberlegen und Rechnen entschloss ich mich, auf einen Flug am Freitag Morgen umzubuchen. Es klappte. Marcus Hüneke von der Bremer NSB-Frachtschiff-Touristik gab zuvor grünes Licht dafür. Dann eine neue SMS-Nachricht von Udo Wölms: Es könnte auch früher werden. Ich sah das Schiff schon ohne mich abfahren und ärgerte mich, dass ich nicht doch bei dem früheren Flug mit eventueller Hotelübernachtung geblieben war. Doch man sollte keine Rechnung ohne die Spanier machen. Es kam allerdings wieder anders.
Ein Fahrer des MSC-Agenten holte mich am Flughafen ab. Als wir über die Küstenautobahn fuhren, sah ich weit draußen ein Containerschiff mit den überdimensionalen weißen Buchstaben MSC auf der Bordwand. Es schien zu treiben. Das konnte nur die „Geneva“ sein, schoss es mir durch den Kopf, denn ich hatte ihr Bild vor Augen. „Si, Si, eso es el barco!“, bestätigte der Fahrer und meinte: „Dann bring´ ich Sie am Besten erst mal ins Hotel“. Im Hafen sah ich schließlich die Erklärung: Alle Liegeplätze waren von anderen MSC-Frachtern belegt und „Geneva“ musste daher draußen warten.

Gelandet mit sportlicher Moral
Ich richtete mich auf den Abend und die Nacht in Las Palmas ein. Auch nicht schlecht, dachte ich, obwohl ich lieber gleich an Bord gegangen wäre.
Am Kreuzfahrtterminal lag gerade die schneeweiße „AIDAblu“. Die steuerte ich erst mal an, denn mich hatte der Barmanager zu einem Schiffsrundgang eingeladen. Maik Römer ist einer meiner Stralsunder FH-Seetouristik-Studenten, der als gelernter Gastronom gerade ein Praktikum absolviert. Auf dem voll belegten Sonnendeck bimmelte plötzlich mein Handy: „Kommen Sie bitte sofort ins Hotel!“, wies mich der Agent an, „Sie müssen gleich an Bord!“ Zurück ging es im Laufschritt. Sachen zusammenpacken, ab ins Auto und zum Hafen. Tatsächlich, „Geneva“ lag schon da.
„Du hättest Dich aber gar nicht so zu beeilen brauchen“, beruhigt mich Udo Wölms nach der Begrüßung, „vor morgen Abend wird das hier sowieso nichts“. Viel wichtiger: Ich war erst mal an Bord gelandet, konnte meine Papiere abgeben, die luxuriöse Kabine beziehen, einen ersten Orientierungsrundgang durch alle Decks unternehmen und in Ruhe Abendbrot essen. Gemeinsam mit Kapitän und Offizieren – und nur noch zwei weiteren Passagieren. Kontrastprogramm zur ausgebuchten „AIDAblu“ mit rund 1800 Gästen, einem strikten Fahrplan und keinem täglichen Captains-dinner für alle Passagiere.
Die Moral von dieser Geschichte: Selbst als „alter Frachterreisen-Hase“ lernt man anscheinend nie aus und muss sich immer wieder auf veränderte Situationen einstellen können.
Zum Beispiel auch auf ein mehr oder weniger unfreiwilliges Fitness-Programm: das Treppensteigen. Von der Kabine zur Messe sind es schlappe 70 Stufen – und das allein zu den Mahlzeiten dreimal ´runter und wieder ´rauf, meistens ist es öfter. „Ich hasse diese Kletterübungen!“, stöhnt Zweiter Ingenieur Reinhard Müller aus tiefster Seele. Wer allerdings noch so wie ich täglich zehn Runden ums 600 Meter lange Hauptdeck dreht, muss noch mal 30 Stufen nach unten nehmen. Da kommt, wenn man nachrechnet, Einiges an Höhen- und Längenmetern zusammen. Aber: gut zum Kalorienabbau. Unterstützt von Kapitän Schneider, der später eine Waage kauft – zur Gewichtskontrolle.
In der „Mucki-Bude“, dem „Gymnasium“, kann man Sport „intelligent“ weiterbetreiben: beim computergesteuerten Radeln, Steppen, Gewichtestemmen, Dartspielen. Chief mate Udo und Second mate Michael dreschen den Tischtennisball über die Platte. Noch Playmates oder schon Playboys?, das ist hier die Frage.
Karatelehrer Udo Wölms schneidert mir ein Programm nach Maß zurecht. Er selbst bereitet sich akribisch auf seine Wettkämpfe im Urlaub vor, ich auf die Kajaksaison an der Ostsee. Den nachmittäglichen Trainingshöhepunkt vor dem Dinner bilden Sauna und Whirlpool. Da kann man sogar mit dem Alten baden gehen. Andreas Schneider ist Fan der heißen Sprudel-Badewanne.
Seefrau lädt zur Party
Abends steigt eine Geburtstagsparty im „Officers Recreation Room“. Bei 22 Mann und einer Frau passiert das schon hin und wieder. Zum ersten Mal auf dieser Reise am ersten See- und Sonntag. Alle sind eingeladen, wie die Mitteilungstafel neben der Messe verkündet. Die Vierte Offizierin, Matleena Mäkelä aus dem finnischen Rauma und einer Familie mit maritimer Tradition, wird 30 Jahre jung. Drum pilgert die gesamte wachfreie Crew, auch die freundlichen Philippinos, die sonst gern unter sich bleiben, nach dem Abendbrot ins E-Deck. Auch weil Alkohol gratis ausgeschenkt wird. Um die Bar versammeln sich die Offiziere und die beiden deutschen Schiffsmechaniker. Vor dem Videogerät hocken die Philippinos und sind fasziniert von den dröhnenden Musikshows. Matleena spielt Barfrau und bedient, zur Genugtuung der Männer. Sie ist nicht nur ganz ansehlich, sondern auch temperamentvoll. Dass sie manch einem den Kopf verdrehen kann, ist kein Geheimnis. Auf einer der vorigen Reisen kam es wegen ihr auch schon mal zu einer tätlichen Auseinandersetzung. Die balzenden Kampfhähne mussten gehen. Das Thema „Frauen an Bord“ wird trotzdem unterschiedlich bewertet. Das ist auch auf dem Mikrokosmos Schiff nicht anders. Chief Dietrich Jürgensen, ein freundlich-besonnener Mann aus Schleswig-Holstein mit bewegtem Seemannsleben, spricht aus Erfahrung: „Die meisten sind fachlich sogar besser als manche Männer, wenn auch nicht so kräftig. Aber das spielt heute keine Rolle mehr. Viel wichtiger ist Köpfchen“. Kapitän Schneider und Erster Offizier Wölms meinen allerdings, „dass eine Frau nicht die isolierte Situation der Besatzung ausnutzen darf, „indem sie die Männer provoziert und mit ihnen spielt. Klare Verhältnisse wären da besser.“
Auf jeden Fall trägt die quirlige Matleena, die schon von Kindesbeinen an Kapitänin werden wollte und Seefrau aus Überzeugung ist, zur Auflockerung des geselligen Abends bei.
Bei Bier und Wein entspannt sich die Stimmung zusehends und man kommt sich näher. Jeder gibt Geschichten zum Besten. Unglaubliches darunter. So zum Beispiel, als der Chief den Krimi seiner sechsmonatigen Zwangsliegezeit vor Guatemala erzählt: „Wir mussten in direkter Nähe einer Marinestation ankern und konnten daher nicht einfach verschwinden. Verpflegung und Geld gingen uns aus und wir wurden immer dünner“. Die Ursache war ein Container voll Zimtstangen, die verdorben waren. Der Auftraggeber, ein deutschstämmiger Großfarmer, schickte seine Anwälte vor und ließ anscheinend die Behörden schmieren. „Irgendwann“, lächelt Jürgensen, „machten wir uns bei einem schweren Regenschauer aus dem Staub. Der Farmer wurde kurze Zeit später erschlagen“.
Sterne beobachten und Sonne schießen
Am dritten Seetag rutscht der Hamburger Frachter mit rund 3900 Containern zwischen den Kapverdischen Inseln und Dakar an Kap Bon, dem westlichsten Punkt Afrikas, durch. Wie auch schon Napoleon auf dem Weg zu seiner Verbannungsinsel Sankt Helena. Nur haben wir es heute wesentlich komfortabler. Auch als die deutschen U-Boot-Fahrer, die hier hindurch 1941/42 bis tief in den Südatlantik vorstießen. Der Horizont ist wie leergefegt, wir sind auf unserem einsamen Track allein. Die vielbefahrene „Nord-Süd-Autobahn“ lassen wir weit im Osten. „Hier haben wir nicht die Strömung gegenan“, begründet das der Kapitän, „sondern sie schiebt uns mit einem Knoten plus“. Time is money.
Spiegelglatt gibt sich der Atlantik, die warme Luft ist feuchtigkeitsgesättigt und diesig. Der Nordost-Passat bläst feinsten gelben Staub von der Sahara herüber und überpudert alles damit. „MSC Geneva“ – ein Wüstenschiff?
Mit Chief mate Udo Wölms verbringe ich den Rest seiner Abendwache auf der Brücke. „Kennst Du den Planeten da oben?“, zeigt er auf einen hell leuchtenden Stern. Ich tippe richtig: der Orion. Ob ich mal sehen möchte, wie der Nachthimmel jetzt über Norddeutschland aussieht? Mit seinem PC-Programm kann der Computerfachmann jedes aktuelle Bild der Erde aufrufen. Für mich ein Novum. Ich kann nur staunen, auch über die neueste Navigationselektronik im Fahrstand. Wo wir gerade langfahren? Udo hat dafür eine wahrhaft einleuchtende Erklärung: „Immer dem kleinen blauen Licht nach, dass Du da vorn auf dem Vormast siehst“. Aber Spaß beiseite: Die Seefahrtsthemen gehen uns nicht aus. Für Fachsimpelei ist der Stralsunder immer zu haben.
Nach Dienst wird es noch heißer - in meiner Kabine. Ein paar zünftige Malefitz-Schlachten um Barrikaden und Figuren stehen auf unserem Unterhaltungsprogramm. Das kann sehr reichhaltig sein, wenn man versteht, es selbst zu organisieren.
Navigationsübungen gehören genauso dazu wie Lesen, Laptop-Schreiben, ein gutes Gespräch in entspannter Runde oder ein gemeinsamer DvD-Abend. Die Zeit rennt einem weg, auch wenn man meint, genug davon an Bord zu haben.
Mitpassagier Dr. Ulrich Schrader (64) ist passionierter Segler und möchte seine nautischen Kenntnisse auffrischen und vertiefen. Ich schließe mich begeistert an. Dritter Offizier Michael Barbera hat nichts dagegen, dass wir den Sextanten hervorkramen. „Der wird sowieso nicht benutzt“, sagt er und lässt uns machen. In der Steuerbordnock „schießen“ wir die Sonne, ihre Mittagshöhe, und errechnen anhand des Winkels über dem Horizont und der Nautischen Tafeln unseren Standort. „Passt“, meint Ulli stolz, als er Breiten- und Längengrade mit dem GPS vergleicht. In die Seekarte tragen wir die aktuelle Position ein, die wir mit Zirkel, Dreiecken und Bleistift vorsichtig markieren.
Gedanken beim Wein
„Genug der Arbeit“, findet er und verabschiedet sich von der Brücke: „Du findest uns, wo gelacht und getrunken wird“, weist er mich auf das Nachmittagsprogramm hin. Zwei Decks tiefer ein schattiges Plätzchen: Im Decksstuhl auf ihrem Backbord-Balkon genießen er und sein langjähriger Freund Hans-Peter Cahrmanns (74) mit einem Gläschen Wein die tropische Sonne. An Bord ist man schnell „per Du“. Wir stellen fest, dass wir auch mal zu unterschiedlichen Zeiten auf dem Kühlschiff „Hansa Lübeck“ gefahren sind. Als S.N.s, sogenannte Supernumeries. „Drei Überflüssige“, witzelt Peter, „da darf man fast alles, muss aber nichts. Wie hier“.
Die beiden humorigen Rentner, auf Frachtern und Seglern befahren und immer zu einem Spaß aufgelegt, steigen leider schon in Kapstadt aus. „Hier an Bord können wir in aller Ruhe lesen und uns auf Südafrika vorbereiten. Zu Hause schaffen wir das einfach nicht“, blättert Ulli in einem Reiseführer, „wir wollen das Land nämlich auf eigene Faust erkunden. Zurück geht´s dann per Flieger“.
Weil man nicht unterhalten wird, muss man sich selbst beschäftigen und vor allem mit sich (und anderen natürlich auch) auskommen können. Für Ulli, den promovierten Wein-Chemiker, und Peter, der Vertriebschef eines großen Medienkonzerns war, keine Frage. Das sei, vor allem, wenn man allein reist, das A und O auf einem Frachter, meinen sie, als wir bei einer abendlichen Weinprobe den Gedanken- und Erfahrungsaustausch vertiefen. Die leeren Buddeln fliegen später als Flaschenpost über die Kante. Antworten bekam ich übrigens von früheren Törns schon einige.
Frachter-Reisende sind Individualisten, die das Ambiente von Kreuzfahrtschiffen nicht mögen wie Peter: „Hier kann ich tun und lassen und anziehen, was ich will“. Für Seefahrt pur, so beide, sollte man sich schon interessieren. „Die Bordatmosphäre“, ergänzt Ulli „steht und fällt allerdings mit dem Kapitän. Das ist wie mit Fisch, der fängt am Kopf an zu stinken“. Wir Drei können da auf unterschiedlichste Erfahrungen verweisen. „Manche haben infolge ihrer langen Seefahrtszeiten eine normale Kommunikation völlig verlernt“, begründet Ulli, „da kann man es ganz schön schwer haben, vor allem wenn nur Ausländer an Bord sind“. Der Kapitän, an Bord scherzhaft auch „Reiseleiter“ genannt– mit ihm sind fünf weitere Deutsche an Bord - gehört zum Glück nicht zur schweigsamen Sorte. Im Urlaub reist der Sachsen-Anhaltiner viel mit seiner Frau. Da verliert man seine Weltläufigkeit nicht so schnell. „Auch wenn wir als Seeleute dauernd unterwegs sind“, sagt er, „sehen wir kaum mehr als die Häfen. Manche gehen auch gar nicht an Land“.
Linien-Fieber mit Liebesbeweis
„Gleich müsste es rumpeln“, lacht Peter und meint die Überquerung des Äquators. Am vierten Seetag um 12.53 Uhr ist es soweit. Mit GPS und Sextant lauern wir in der Brückennock auf den magischen Moment. „Achtung Null!“, ruft Ulli, als er die Sonne genau auf den Horizont „heruntergeschraubt“ hat. Unsere Geräte zeigen exakt an: 00 Grad, 00 Minuten, 00 Sekunden Nord. In Sekundenbruchteilen hat sich „MSC Geneva“ mit fast 23 Knoten auf die Südhalbkugel geschoben. Ohne dass die Neulinge vom Schmutz der Nordhalbkugel gereinigt werden oder eine Zeremonie abgehalten wird. Zweiter Offizier René Santiago kann über unser äquatoriales Fieber nur lachen: „Na, habt Ihr wenigstens die Linie gesehen?“
Peter zeichnet schnell ein Bild mit Neptun und faxt es mit Grußzeilen an seine Frau: „Sie soll doch wissen, dass ich drübergefahren bin“. Auch wenn er statt Null Grad Nord zehn Grad Ost schreibt. „Nur der Beweis zählt“, meint er grinsend, „von wo aus man liebt, ist doch unwichtig“. Vom immer strahlenden Dritten, Michael Babera, bekommen wir sogar noch ein offizielles Dokument, den „Equatorial Passport“ in die Hand gedrückt. Eine harte Taufe wie zu meiner Junggradzeit bleibt uns – zum Glück! – erspart. Abends lese ich ein paar Zeilen zum Thema in den Lebenserinnerungen „Nach Kompass“ von Karl-Friedrich Merten. Der spätere Kommandant von U 68 fuhr damals auf dem „Kreuzer“ Karlsruhe um die Welt. „Nach dem Auslaufen passierten wir die Linie. Die Äquatortaufe beherrschte das Schiff für einen Tag vollkommen. Sie war ein besonderer Eindruck für die Kadetten. Und gehört nun mal mit allem Firlefanz zur Seefahrt. Ich habe selbst dann im Kriege unter doch wirklich sehr ernsten Bedingungen nie auf diesen alten Seemannsbrauch verzichtet“. Nur auf Kreuzfahrtschiffen wird das Zeremoniell noch praktiziert, an den Polarkreisen und am Äquator. Unser Sohn Johannes, der auf der „Astor“ fährt, berichtete via Satellit, wie es bei ihnen im Pazifik, uns sozusagen gegenüber, zuging. „Mit allem Firlefanz“ eben. Auf einem modernen Containerfrachter hat man dafür nichts mehr übrig.
Vor der obligaten Mittagsruhe begießen die beiden Freunde das Ereignis des Tages stilvoll mit einem Gläschen Rosé. „Weindoktor“ Ulli schwört darauf, „um das Linien-Fieber zu bekämpfen und die kommende Zeit locker anzugehen“. Einmal im Jahr treffen sich die Familienväter zu einem gemeinsamen Törn und genießen die Zeit ganz nach ihren Vorstellungen. „Wir haben lange genug dafür gearbeitet, jetzt wollen wir auch was davon haben“, betonen sie. Nur ihre Frauen können sie nicht auf einen Frachter locken. Da muss dann ein gemeinsamer Landurlaub zum Ausgleich her. Obwohl es immer mehr Frauen gibt, die sich vor diesem „Abenteuer“ nicht fürchten. Klagen, so die Agenturen, hätte es bislang noch keine gegeben, im Gegenteil.
Kaum den Südatlantik unterm Kiel, brist es zu sechs ruppigen Windstärken auf, vierkant von vorn. „MSC Geneva“ verbeugt sich dauerhaft respektvoll vor dem gewellten Ozean, aber hält ihr 22,5 Knoten-Tempo problemlos. Das Brückenthermometer zeigt 33 Grad. Wem das nicht reicht, kann noch 50 Grad drauflegen – in der Sauna. Die Temperatur des Leitungswassers, vom Meer gekühlt, sinkt hingegen spürbar ab. Verantwortlich dafür: der Agulhas-Strom aus der Antarktis. Wir dampfen, ungewohnt die Mittagssonne im Norden, westlich von Namibia, nach Süden, voll in den Herbst und die beste Reisezeit hinein. Das „wissen“ auch Wale, die ihren Blas weitab in die Luft prusten wie Geysire. In der Fachzeitschrift „Marineforum“ (3/07) lese ich, dass rund 1000 dieser Tiere pro Jahr durch Schiffskollisionen umkommen. Mit zunehmenden Schiffsgrößen- und Geschwindigkeiten steigt die Rate: „Größere Schiffe stellen ein Problem dar, weil sie wegen der eigenen akustischen Abschirmung nach vorn kaum von den Walen wahrgenommen werden können. Die Gefahr der Kollision nimmt bei Schiffsgeschwindigkeiten über 20 kn stark zu, weil die Wale nicht schnell genug ausweichen können“. „MSC Geneva“ läuft über 23 Knoten. „Merken kann man das an Bord nicht“, so der Chief mate, „höchstens hinterher als `Beifang` auf dem Wulstbug sehen“.
Am Ende dieses fünften Seetages werden wir wieder an Napoleon erinnert: In rund 360 Seemeilen Entfernung passieren wir St. Helena. Ihm zu Ehren wurde der bis 150 Meter unter die Wasseroberfläche reichende Seamountain, eine aus 5000 Metern steil aufragende Bergspitze nördlich davon, „Bonaparte“ genannt. Vielleicht aus ironischen Gründen.
Großsegler-feeling in Titanic-Pose
Plötzlich schrillt die Alarmsirene: sein kurz, einmal lang, immer wieder. Wir werden aus unseren rückwärts gerichteten Gedanken wieder an Deck geholt – Generalalarm! Ich schnappe mir die Rettungsweste und renne zur Musterstation auf dem C-Deck, Steuerbord-Seite. An mir vorbei hastet Vierte Offizierin Matleena – noch verschlafen von ihrer Nachtwache – mit wehenden Haaren und Helm in der Hand auf die Brücke. Überraschung: Am Rettungsboot bin ich allein! Über Lautsprecher verkündet der Erste schließlich: „Fehlalarm! Alle zurück an die Arbeit!“ und erklärt später: „Beim Deckwaschen hat jemand den Auslöser mit Wasser getroffen, das reicht, weil die Schutzkappe abgerissen ist“. Zu 90 Prozent, so der Kapitän beim Essen, gebe es Fehlalarme. „Dann nimmt man einen echten Alarm irgendwann möglicherweise nicht mehr ernst“, erwidert Doc Schrader.
Er freut sich, gewissermaßen als sportliche Übung, mit mir auf die überdachte Back zu klettern. Über eine senkrechte Eisenleiter und durch eine Luke gelangt man nach oben. „ Herrlich, dieses Sonnenplätzchen“, ist Ulli angetan. Das schwarze Deck allerdings glüht förmlich, so dass man ein Spiegelei drauf braten könnte. Nur noch der Fahrtwind, der uns beinahe die Hemden über die Ohren zieht und die Haare zu Berge stehen lässt, verschafft etwas Kühlung. Maschinenlärm? Fehlanzeige!. Erst recht nicht im Mast, den ich mit Genehmigung und Sicherheitsgurt besteige für ein paar Fotos. Der zwei Fußballfelder füllende Container-Parkplatz vor den auf Wohnhausformat geschrumpften Aufbauten reizt besonders.
Hobby-Seemann Schrader strahlt und fühlt sich „wie auf einem Großsegler“. „Titanic“ kann man hier auch spielen. Mit ausgestreckten Armen posieren wir über tintenblauer See an der Steven-Reling. „Wenn unsere Pfoten größer wären“, ruft Ulli gegen den Wind, „würden wir jetzt abheben“. Als dann noch die Sonne glutrot untergeht und am Abendhimmel recht voraus das markante Kreuz des Südens auftaucht, ist die Frachter-Romantik anno 2007 komplett.
Mit Übungen über die Ost-West-Linie
Noch ein magischer Moment: Fernab der angolanischen Küste kreuzen wir den Null- oder Greenwich-Meridian, der die Erde in Ost- und Westhalbkugel teilt. „Den hatten wir schon im Englischen Kanal“, ist Ulli nicht ganz so begeistert wie ich. Dennoch: Die elektronische Seekarte auf der Brücke muss als Foto-Beweis herhalten – 00 Grad, 13 Grad Süd -, denn Peter schickt diesmal kein Fax an seine Frau. Er guckt lieber in die „Braunsche Röhre“ und meint damit eine Flasche Bier. Bis einen wieder Alarmsignale aus der Mittagsruhe reißen. Steward Dolrich Solana sammelt uns ein und geleitet seine Schäflein in die Crew-Messe: „For further orders from the bridge“. Peter scherzt: „Erst war nix und jetzt sitzen wir hier auch wieder nur ´rum“. Dolrich empfängt über Sprechfunk die Meldung, dass der „Brand“ im Schiffsinnern jetzt bekämpft werde. Nach einer halben Stunde ist die Übung – natürlich erfolgreich - gelaufen und wir werden entlassen.
Als ich meine tägliche Sechs-Kilometer-Walking-Runden ums Schiff drehe, kommt mir plötzlich einer entgegengerannt: Schiffsmechaniker Wolfgang Hanikow. „Na, auch sportlich unterwegs?“, frage ich ihn im Vorbeilaufen. Keine Antwort. Er muss es anscheinend sehr eilig haben. Plötzlich krängt der 275-Meter-Riese hart nach Steuerbord. Container knallen wie Maschinengewehrsalven, öliges Wasser schießt von oben aus irgendwelchen Ritzen an Deck. Bange Frage: Ist was passiert? Auf der Back treffe ich Schiffsmechaniker Corey Wernitzky, der angestrengt aufs Wasser starrt. Ich stoppe und sehe ihn fragend an. Er reagiert cool: „Nur ein Mann-über-Bord-Manöver, der Alte fährt jetzt den Williamson-Turn mit Hartruderlage“. Damit meint er eine riesige Acht, die man jetzt schön aus der Luft sehen könnte. Knapp eine Viertelstunde später wird der „Schwimmer“ gesichtet, ein großer Pappkarton: gerettet! „MSC Geneva“ schwenkt wieder auf ihren alten Kurs ein und nimmt grummelnd Fahrt auf, bis die autobahnbreite Hecksee kocht wie zuvor. Während tief unten im Schiffsbauch das kräftige Herz wummert, stimmen die verspannten Stahlkisten ihre eigene Melodie an: es knistert, ächzt, brummt, klopft, quietscht, schnarrt, scheppert, sirrt, zirpt und knallt in den Kartons. Aus der Achterkante der Aufbauten brüllen die Maschinenraum-Lüfter. Ständiger Begleitsound beim Laufen. Die Walkman-Musik in den Ohren ist nichts dagegen.
Würstchen und Seestimmungen
Höhepunkt der Woche: das Samstagabend-Barbecue. Smutje Rex Alerta und Steward Dolrich Solana haben ein Büffet auf dem Brückendeck angerichtet. Fleisch und Würstchen brutzeln auf dem Grill, dessen verlockende Düfte sich mit rußigen Schweröl-Abgasschwaden vermischen. Sogar der wachhabende Erste Steuermann Udo Wölms kann sich zwischen Radar und Seekarte verpflegen. „Der Dampfer läuft ja fast sowieso wie von allein“, grinst er kauend, „aber keine Angst, ich hab´ alles im Griff“. Nautiker sind scheinbar Zauberer. Sie können das stählerne Monstrum am Stück schweben lassen, rückwärts einparken und sogar Achten drehen. Respekt!
Ulli genießt bei Freibier still die letzten Sonnenstrahlen des Tages an einem geschützten Plätzchen. „Die See ist für mich die lebendigste Landschaft, Wasser das Element der Verwandlung“, philosophiert er schwärmerisch, „es ist weich und hart, glatt und rau, manchmal still und dann wieder aufwühlend wild. Farben, Oberflächen, Licht und Stimmungen ändern sich ständig. Der Stand der Sonne und der Wolkenzug geben dem Wasser und seiner Weite ein Gesicht. Freundlich-einladend oder abweisend kalt. Man muss das nur sehen können und wollen“.
Wir erleben diesen Wechsel hautnah: Es hat inzwischen zu acht bis neun Windstärken vierkant von vorn aufgebrist. Das Meer gibt sich nicht mehr ozeanblau – der Stoff, aus dem die Träume sind -, sondern nordseegrau, denn es spiegelt den Himmel. Vom friedlich säuselnden Glitzerteppich zur finster anschwellenden Bedrohung. Der meterhoch aufschäumende Südatlantik wird zur ruppigen Schlaglochpiste. Das Schiff verbiegt sich, im Fachjargon „Torsion“ genannt. Je höher man an Bord kommt, desto durchdringender vibriert und rappelt alles. Vierzig Meter über dem kochenden Wasser orgelt und pfeift der Wind noch wütender um die Aufbauten.
Wenn „MSC Geneva“ mit ihrem Gesicht wuchtig ins Wasser knallt, dann ist die Gischt über zweihundert Meter unterwegs, um dich in der Brückennock nass zu machen. Du schmeckst die herbe Salzigkeit des Atlantiks. Wie mag es im tiefen Innern aussehen, fünftausend Meter unterm Kiel? Frank Schätzings Bestseller „Der Schwarm“, den ich gerade lese, gibt Antworten darauf. Erschreckende.
Zwischendrin und mehr denn je: Nervensache
Die Männer indes bewegt Anderes. Kapitän und Chief, beide lang befahrene Realisten, steht der Sinn nicht nach romantischen Stimmungen. Seefahrt ist, auch wenn die Schiffe nicht mehr aus Holz und die Matrosen aus Eisen sind, nach wie vor ein harter Job. Man lebt an Bord vier Monate und länger ständig mit denselben Leuten auf engstem Raum zusammen, oft unter schwierigsten See- und Wetterbedingungen. Sympathien, Macken, Abneigungen, Stärken und Schwächen, mit all dem muss man hier zurechtkommen. Auch mit sich selbst.
Eine strikte Trennung von Arbeit und Freizeit? Kaum machbar, da man irgendwie immer im Dienst ist, Tag und Nacht. Ohne jegliche Chance zur Flucht. Seefahrt, das ist auch unbarmherzige Psychologie und nichts für labile, zartbesaitete Gemüter mit Illusionen.
Jederzeit auf dem Sprung, werde daher auch nicht geschlafen, sondern nur „geruht“. „Das zerrt auf Dauer an den Nerven. Letztlich ist man froh“, so Chief Jürgensen, „dass alles weitgehend reibungslos funktioniert“. Trotzdem, meint er kopfschüttelnd, halte sich hartnäckig die Mär, dass Seefahrt ein Beruf mit hohem Freizeitwert sei. „Aber haben diese Leute mal ernsthaft darüber nachgedacht“, ergänzt er, „auf was wir hier alles verzichten müssen?!“ Dazu komme, dass die totale PC-Vernetzung viel Chaos anrichtet und Papierberge produziert. Quittiert wird diese Bemerkung mit allgemeiner Zustimmung.
Für Kapitän Schneider beginnt das Privatleben erst dann, wenn er in Urlaub nach Niedersachsen geht und die Gangway verlassen hat: „Dann will ich von Seefahrt nichts mehr wissen“. Gartenarbeit und am Haus bauen sind für ihn Ausgleich, der Chief hingegen liebt kilometerlange Waldspaziergänge im Umkreis seines norddeutschen Dorfes bei Flensburg. Jeder wie er mag.
Tafelberg voraus!
Am neunten Seetag bläst es uns kalt entgegen. Nur noch 18 Grad. Die Aussendeckstüren lassen sich nur mit viel Kraft aufstemmen. Pullover und lange Hosen kommen wieder aus dem Schrank. „Schuld“ ist der kalte Benguela-Strom aus der Antarktis, der Nambia weitab an unserer Backbordseite die Wüste beschert hat.
Die See rennt dunkelgrün und ruppig schräg von vorn gegen den Frachter an. Der schüttelt sich unwillig bockend und schwänzelt in sich hin und her, sichtbar. Als würde er laufend Ohrfeigen bekommen. Zu lang im Verhältnis zur Breite mit den achtern liegenden Aufbauten, sagt der Fachmann. „Verdammt unangenehm!“, bringt Ulli es auf einen menschlichen Punkt, „und das am Ende unserer Reise“. Was nicht niet- und nagelfest gestaut ist, fliegt ruckartig zu Boden.
Wir stehen vor dem berüchtigten „Kap der Stürme“. So hat es sein portugiesischer Entdecker Batholomeu Diaz 1488 genannt. Zu Recht. Immer mal wieder soll hier der „Fliegende Holländer“ mit zerfetzten Segeln gesichtet worden sein. Später hieß der Felsen am Südzipfel Afrikas dann „Gasthaus der Meere“. Damals frischte man hier die Vorräte zur Weiterreise nach Indien auf. Das verschaffte Einnahmen. Bis jetzt hat sich „Kap der Guten Hoffnung“ gehalten. Wobei eher Geldgier für die Namensgebung ausschlaggebend war. Weniger der Wunsch, dem tückischen Seegebiet endlich zu entkommen.
Nach rund 4500 Seemeilen seit Las Palmas schält sich das hohe Küstengebirge aus dem Dunst. GPS-Position: 33 Grad 52 Minuten Süd, 18 Grad 24 Minuten Ost. Wenn sich früher ein holländischer Segler dem Felsen näherte, kassierte der Seemann, der als erster den Tafelberg sichtete, zehn Gulden und eine Flasche Wein. Heute zählt die Landmarke zu den meistfotografierten Motiven der Welt. Auch für uns. „Die Buddel steht uns zu!“, lacht Peter, Mit seinem Freund wartet er schon seit Stunden in der Steuerbord-Brückennock auf den entscheidenden Augenblick.
Bald darauf präsentiert sich der charakteristische Tafelberg: ein Traumblick bei ebensolchem Wetter. Wolkenballen wabern über den Kamm, das „Tischtuch“ des Felsens. Der „Cape Doctor“, ein berüchtigter heftiger Südostwind, treibt sie zu Tal. Beim Absinken in die wärmere Luft über der „Mother City“ lösen sie sich allmählich auf.
Containers große Nachtmusik
„MSC Geneva“ stampft dem markanten Wahrzeichen Kapstadts und Südafrikas ungebremst entgegen. „Unser Liegeplatz ist frei“, hat der Kapitän erfahren. Ulli und Peter sind froh darüber und haben ihre Sachen schon „zum Absprung“ gepackt. Sie fiebern vor allem den Weingegenden entgegen, betonen die beiden Genussmenschen. Beim dortigen Zoll hält man offensichtlich wenig davon, denn Chief mate Wölms rät mir: „Dann räum´ mal den Kühlschrank leer, mehr als zwölf Flaschen Bier sind nicht erlaubt. Die schwarze Gang durchsucht jeden Winkel wie die letzten beiden Male“. Um keine Zollstrafe zu riskieren, packe ich die überzähligen Buddeln in einen Karton und gebe ihn dem Steward. Bis zum Auslaufen bleibt das unerwünschte Getränk unter Verschluss. Paradox! Kein Seemann käme auf die abstruse Idee, auch nur eine Flasche Bier von Bord zu schleppen. Das kann man downtown nun wirklich preiswerter haben.
Zwei Stunden treibt „MSC Geneva“ in der Tafelbucht, an Backbord Robben Island. Auf der berüchtigten Gefängnisinsel wurde Nelson Mandela 18 Jahre lang festgehalten.
Um 16 Uhr schwingt endlich das Lotsenboot längsseits. Mister Pilot kommt an Bord, rotblond, vollbärtig: Hemd mit vier goldenen Streifen – wie jetzt auch Kapitän Schneider - , kurze Hosen, lange Strümpfe, Schuhe, alles komplett in Weiß. Britischer Kolonialstil eben. Er dreht den langen stählernen Lulatsch mit Unterstützung von drei Schleppern souverän auf dem Teller. Trotz 40-Knoten-Böen. Die erste Wurfleine fliegt auf die Pier, von bulligen Festmachern aufgenommen mit den dicken Leinen im Anhang. Ruck-zuck sind die Poller belegt. „16.50 Uhr, fest in Kapstadt“, schreibt der Chief mate ins Schiffstagebuch. „Wenn der Wind zunimmt“, runzelt Udo Wölm die Stirn, „fangen die hier erst gar nicht an, zu gefährlich“. Für ihn beginnt wieder der übliche „listenreiche“ Hafen-Papierkrieg samt Lade- und Löschbetrieb und Ballast pumpen. Einklarierung und Immigration sind Kapitäns-Job: „Mit Chance dauert´s 30 Minuten, sonst eine Stunde“.
Ein paar Philippinos marschieren los zum Billig-Telefonieren im Seemanns-Club. Mehr ist nicht drin. Die anderen haben an Deck zu tun und müssen sich immer mal wieder beim Chief mate melden. „Please repeat in English“, weist Wölms sie an, „I cannot understand your language Tagalo!“ Das sei für den internen Funkverkehr so ausgemacht, „außerdem müssen sie ihre Sprachkenntnisse trainieren. Dadurch zwinge ich sie dazu“.
Draußen fängt es sofort an zu brummen und zu summen, untermalt von pausenlos warnenden Kran- und Truck-Signalen. Weltweit das gleiche vielstimmige Konzert. Containers große Nachtmusik, diesmal vor der funkelnden Lichtermeer-Kulisse von Capetown. Über allem erhebt sich der Tafelberg, mystisch angestrahlt. Die Landwelt hat uns wieder.
Berauschende Aussichten
Acht Uhr morgens, das Telefon neben meinem Bett bimmelt. Udo Wölms am Apparat: „Moin, wir können los. Hast Du alles beisammen? Ich bin im Ladebüro. Mach´ hinne!“ Klar doch: Pass, Geld, Fotoapparat, Reiseführer wandern in meinen kleinen Rucksack. Wie lange wir Ausgang haben, hängt vom Laden ab – wie immer. „Der Alte ruft mich an, sobald er Genaues weiß“, treibt Udo zur Eile an. Ein Terminal-Bus karrt uns zum Hafentor. Der freundliche schwarze Wächter bestellt das Taxi für uns. Fahrtziel: Victoria and Alfred Waterfront.
Wir erleben eine blitzsaubere Glitzerwelt aus restaurierten Lagerhäusern und Dockanlagen mit Kneipen, Kinos, Geschäften und ihrem Wahrzeichen, dem roten Clock tower. Jetzt sind Bummeln und Schauen angesagt. Im Wasser Spielende und sich sonnende Robben sind ein tierisches Highlight, denen sogar ein vielbesuchtes Denkmal gewidmet wurde. Irgendwo an einer Beach „um die Ecke“ sollen sich sogar Brillenpinguine tummeln. Das Wasser im nahrungsreichen Grenzbereich von Atlantik und Indischem Ozean ist kalt genug für sie.
Wir hingegen genießen die warme Herbstsonne bei Fish and Ships und südafrikanischem Bier mit Blick auf Tafelberg und Hafen.
Bis wir uns von einem klapprigen seitlich und nach hinten offener Kleinbus – die Firma „Rickies“ kennt hier jeder - aufpicken lassen. Preiswerter Tipp einer freundlichen jungen Frau der Tourismus-Information.
In höllischem Tempo brettert der Fahrer durch das quirlige Downtown der Vier-Millionen-Stadt über Palmenalleen an Betonburgen, aber auch malerischen kapholländischen und viktorianischen Häusern vorbei immer höher hinauf. Allerdings an der Abfahrt zum über 1000 Meter hohen Tafelberg, wohin wir eigentlich wollten, vorbei. „Die Seilbahn ist wegen zu viel Wind nicht in Betrieb“, sagt der Fahrer und empfiehlt uns statt dessen den nur 350 Meter hohen Signal Hill. Wir steigen schon früher aus. Der Pfad, unterhalb des 669 Meter hohen Monolithen Lions Head, zu dessen Füßen islamische Gesänge aus einer Mini-Moschee dringen, soll sich lohnen. Und tatsächlich, die Aussichten auf Stadt und Bucht sind mehr als berauschend. Auch für ein Liebespaar, das hier sich ein paar romantische Augenblicke gönnt.
Punkt Zwölf, wir zucken zusammen, knallt es, als wir durch die dornige, trockene und würzig duftende Macchie wandern. Der Polyglott kennt den Grund: „Die Noonday Gun feuert einen Schuss ab, nach der die in der Bucht früher ankernden Schiffe ihre Chronometer stellten“. Unsere „MSC Geneva“ entdecken wir tief unter uns, jetzt klein wie ein Buddelschiffchen.
Auf dem Parkplatz ein sich sonnender Deutscher, wie wir bald feststellen, nachdem die ersten Worte natürlich auf Englisch gewechselt worden sind. Roland Schmidel, stellt er sich vor, ist Germanist aus Düsseldorf mit Schwerpunkt südafrikanische Literatur. Er sei in Kapstadt auf Tagung und genieße mal eben zwischendurch die Sonne. „Wenn Sie wollen“, bietet er an, „bringe ich Sie zum Hafen“. Wir sind heilfroh, denn die Zeit drängt. Roland Schmiedel ist begeistert, als er hört, dass wir per Frachter am Kap sind. Wir können ihn aus erster Hand beraten. „Die Fliegerei ist zu teuer“, freut er sich, „und ich könnte dann mehr mitnehmen“.
Einen Bord-Besuch schlägt er aus: „Ich weiß nicht, wie die Wächter reagieren, wenn ich allein zurückgehe“. Als vor uns das mächtige „Geneva“-Heck auftaucht, kommt Freude auf: „HAMBURG“ steht da in fetten weißen Lettern, darüber flattert Schwarz-Rot-Gold im Kap-Wind.
Auf den Chief mate wartet Arbeit. Ein Kranfahrer hat durch Unachtsamkeit eine Luke schwer beschädigt. Kapitän Schneider ist sauer, und Udo Wölms muss einen Bericht an den Charterer MSC und die Reederei schreiben. Zwiespältiges Ende eines relaxten Tages. Nicht umsonst der 13.
Zwei Stunden später als geplant springt rumpelnd und zitternd die Hauptmaschine an. Durch das Lichtermeer von Kapstadt steuert unser Frachter auf die offene See. Das Kap der Guten Hoffnung bleibt als schwarzer Klotz an Backbord, eineinhalb Stunden später auch Kap Agulhas, der wahrhaft südlichste Zipfel Afrikas.
Entspannung total oder doch nicht?
Tiefblau, glitzernd, leicht gekräuselt die See. Mild fächelt ein Säuselwind um die Nase. Der kühle Kapwind ist wie weggeblasen. Statt kaltem Benguela- wirkt hier der warme Agulhas -Strom. Der am nächsten Tag auch mal Regenschauer über Deck peitscht, so dass das satte Tiefblau sich urplötzlich in tristes Nordseegrau verwandelt.
Zeit für ein vormittägliches Liegestuhl-Sonnenbad im Indischen Ozean. Das große Schiff wiegt sich weich in den Hüften, als würde es ihm Freude machen. Die Füße über der Reling, lasse ich die Seele baumeln. Bis ich eingenickt bin. Entspannung total. In der Ferne zieht im bläulichen Mittagsdunst die von gebirgigen „Mäusezähnen“ und hohen, schneeweißen Dünen gesäumte Küste vorüber. Über dem Cape St. Francis kräuseln sich senkrechte Rauchsäulen – Signale des nächsten Hafens Port Elizabeth? Dass wir 21 Stunden oder 416 Seemeilen bis hierher gebraucht haben, zeigt, welche Dimensionen Südafrika hat. Und es geht ja noch weiter die Nordostküste hinauf.
Dann doch eine reale Unterbrechung der Idylle. Plötzlich steht die Vierte vor mir: Matleena will mich fotografieren – „aber ohne zu lächeln, bitte!“ – für die Crew-Identitätskarte zum Anheften. ISPS, die international vorgeschriebenen Sicherheitsvorschriften lassen grüßen. Der Zweite, mein Kabinennachbar von gegenüber, bringt mir das Kärtchen später: „You look younger than ever!“ Einer der geläufigen Sprüche aus „Dinner for One“. Das geht doch ´runter wie Öl.
„18.50 h, fest in Port Elizabeth“, schreibt der Chief mate ins Logbuch. Die bedeutende Hafenstadt trägt unterschiedliche Namen, die „freundliche“ und die „windige“ oder neuerdings, mit Querstrich, auch „Nelson Mandela Bay“. Meistens wird sie nur kurz P.E. genannt. Ein Industriezentrum mit den unübersehbaren Produktionsstätten von Ford und Volkswagen. Am Stadtrand liegen die bedrückenden Armenviertel der Townships. Ich sehe sie durchs Fernglas. Steward Dolrich Solana rät von einem abendlichen Stadtbummel ab: „There are some no-go-aeras, very dangerous“. Ausgeraubt zu werden, dazu habe ich einfach keine Lust. Ich bleibe also sicherheitshalber an Bord. Kapitän Schneider jedoch hält nichts von seiner kilometerlangen Wanderung ab. Für ihn ist das schon ein Landgangsritual und Ausgleichssport, der ihn zusammen mit FdH schlank und fit hält.
Vom „Juwel des Südens“, der malerischen Gardenroute mit ihrer unverfälschten Wildgarten-Natur, werde ich nichts, bis auf die vielbefahrene Uferstaße, aus der Nähe sehen. „Um acht Uhr morgens laufen wir aus“, informiert mich der Kapitän. Na, mal sehen...Vielleicht klappt es beim zweiten Anlauf auf der Rückreise.
Den Abend in P.E. gestalte ich notgedrungen mit DvDs: Informationen über Kolonialismus und Südafrika. Zum Schluss ein Kontrastprogramm, der Spielfilm „Die weisse Massai“. Eine dramatische Liebe in Afrika. An meinen Kabinenfenstern schweben unablässig Container vorüber. Sie verdunkeln jeweils für Sekunden die grell hereinstrahlenden Hafenlichter.
Es wird doch Viertel nach Neun, als die Leinen wieder losgeworfen werden und wir Kurs auf Durban nehmen. „Alles noch im normalen grünen Bereich“, meint Chief mate Wölms, der sich erst mal ins Ladebüro zu seinen Computern und Listen zurückzieht. Vorbereitung auf den nächsten Hafen.
Der Indik gibt sich regnerisch-verhangen, zeigt meterhohe Wellenzähne. Sie sägen uns schräg an und lassen das hohe, schlanke Deckshaus wieder unvermittelt ruckartig erzittern. Abstützen und Festhalten!, lautet dann die Devise.
Nachts zuckt es lichtstark und himmelhoch über die Kimm – ein flammendes Wetterleuchten im 180-Grad-Blickfeld der Brücke, die jedes Mal wie die Wolkentürme über uns magisch erhellt wird. Eine gespenstische Stimmung.
Chief als Insider
Nicht so am nächsten Morgen ab zehn Uhr im Ladebüro. Da treffen sich die Deutschen bei Kaffee und Keksen zum Klönschnack über Dienstliches und Privates. Man könnte dieses tägliche Ritual auch als Nachrichtenbörse bezeichnen. Wir liegen schon seit rund vier Stunden zu Anker vor der Drei-Millionen-Stadt Durban, mit dem offiziellen Zulu-Zusatz „e Thekwini“. Nach 382 Seemeilen von Port Elizabeth. Schon ein gutes Dutzend anderer Schiffe wartet auf einen Liegeplatz in der größten Küstenmetropole Südafrikas, der Provinzhauptstadt von KwaZulu-Natal, nach Westen begrenzt von den Drakensbergen.
„Wir lagen vor Madagaskar…“, das gar nicht so weit entfernt liegt, fällt mir zu unserer Situation spontan ein. Wann wir dran sind? Ob es nach der Reihenfolge des Ankommens geht? „Nichts Genaues weiß man nicht“, so der Kapitän zur Lage und sein Chief mate ergänzt: „Über Spekulationen spekuliere ich nicht“. Eins ist sicher: Die Ladungsmengen wachsen schneller als der Hafen, wie weltweit fast überall.
Verlockend die „Golden Mile“. Ein palmengesäumter Vergnügungs-Boulevard am weitläufigen Strand der Bay of Plenty. Nützt uns jetzt nur nichts. Was bleibt: ein Sonnenbad vor der Sunshine Coast. „Im Wasser wär´s zu gefährlich“, weiß Chief Dietrich Jürgensen aus eigener Anschauung, „hier gibt es viele, große Haie. Nur einige wenige Badestellen sind durch Netze geschützt“. Der 64-Jährige, mit dem ich an der Reling stehe, hat eine besondere Beziehung zur Region. „Ich bin vier Jahre mit einem deutschen Frachter an jedem Wochenende zwischen Kapstadt und Durban gependelt“. Nicht lange, und er hatte auch eine Wohnung an Land – und lernte seine südafrikanische Frau Su kennen, „mit schottisch-holländischen Wurzeln, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen“. Ob die Beiden sich hier ihren Altersruhesitz vorstellen können, möchte ich wissen. „Dafür kennen wir die hiesigen Verhältnisse zu gut. Was uns fehlt, ist Sicherheit auf vielen Gebieten“, erwidert er, „in Schleswig-Holstein fühlen wir uns wohl und zu Hause“.
Am frühen Nachmittag, ich aale mich gerade im Liegestuhl, plötzlich ein Knattern in der Luft. Anfrage auf der Brücke. „Der Lotse kommt“, freut sich Kapitän Schneider, „das gibt wieder ein paar schöne Fotos für Sie!“ Diesmal kommt kein Boot, sondern ein Hubschrauber mit der Aufschrift PILOT am Leitwerk. Im Nu schwebt er über dem Heck. An einem Stahlseil baumelt der Kapitäns-Berater und wird sekundenschnell abgewinscht. Mit verwehten Haaren, vom Treppensteigen leicht außer Atem, begrüßt er uns. Der Wind habe zu stark aufgefrischt, so dass er sich für die luftige Versetzung entschieden hat. Vorzeitig, denn eigentlich sollten wir erst abends einlaufen. „Nachts wäre das zu riskant. Und weil Ihr Liegeplatz noch nicht frei ist“, informiert er den Kapitän, „parken wir das Schiff solange anderswo“. Andreas Schneider ist angetan von diesem Service: „Wir hätten sicher noch länger draußen warten müssen. So spart uns das 28.000 US-Dollar Schiffs-Tageskosten“. Gegen Mitternacht soll an ein Containerterminal verholt werden, trotz erneuter Lotsen- und Schlepperkosten dafür immer noch preiswerter. „Das geht aber nur“, schiebt Chief mate Wölms nach, „wenn der Wind nachlässt, gerade im Hafen. So lange ruhen die Arbeiten sowieso“. Andere Länder, andere Sicherheitsvorschriften.
Beim Abendessen überlege ich laut in der Messe, vielleicht noch zum Baden an den nahen Strand zu gehen. „Um Gottes Willen“, wehrt Landeskenner Chief Jürgensen ab, „machen Sie das bloß nicht, die ganze Gegend hier ist No-go-aerea! Besonders bei Dunkelheit. Selbst wenn Sie nichts mitnehmen. Bei einem Weißen vermuten die Typen immer das Gegenteil! Außerdem gehen fast nur Schwarze zu Fuß“. Ich bleibe sicherheitshalber lieber an Bord.
Südafrikanisches Roulette
Es ist verdächtig ruhig. Nichts rührt sich an der Ersatzpier. Bis auf einen Pulk von anrückenden Zoll- und Polizeibeamten. Mit Stapeln von Listen zum Unterschreiben und Stempeln. Der Kapitän fügt sich augenrollend. Dann checken die Damen und Herren den Whiskey-Vorrat. „Da fehlt doch ein Karton“, stellt die Uniformierten fest. Eine Fehlleistung des Computers. Wirkungslos der Protest und die Erklärungsversuche des Alten. Macht mal eben 500 US-Dollar Strafe.
Chief Jürgensen hat ganz andere Probleme. Zwei Repaturtrupps des südkoreanisch-dänischen Maschinenherstellers ist zu Garantiearbeiten eingeflogen. Nur haben die Männer ein wichtiges Spezialwerkzeug vergessen. Für 2000 US-Dollar könnte es der Schffshändler beschaffen. Die Zeit drängt, aber dann fehlt ein passende Gasflasche zum Auffüllen. „Könnte sein“, sagt einer der Dänen, „dass wir unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen“. Der sonst so ruhige Jürgensen rauft sich seine spärlichen Haare. Doch schon am übernächsten Tag können er und sein rühriger Zweiter, Ex-Mariner Reinhard Müller, vermelden: „Wir liegen gut im Zeitplan“. Eine Operation sozusagen am offenen Herzen von „MSC Geneva“. Allein die Nockenwelle, als fast zierliches Teil den meisten Autofahrern bekannt, ist ein meterlanges tonnenschweres Monstrum. Wie das bei einem Riesen so ist: beeindruckend. Selbst Kapitän und Chief mate lassen es sich nicht nehmen, in den heißen Keller hinabzusteigen.
Eine entspannte „Bauernnacht“ ohne Lade- und Löschbetrieb? Der Verholzeitpunkt ist bis dato nicht gekippt worden. Udo Wölms kann allenfalls auf der Couch ruhen: „Was bleibt einem Anderes übrig, wenn du jeden Augenblick damit rechnest, hoch zu müssen“.
Mitternacht ist lange vorbei - wieder nichts! Die spannende 28.000-Dollar - Gretchenfrage bleibt: Ablegen oder Warten? Südafrikanisches Container-Roulette. Auch der Countdown für meinen Rückflug läuft. „Da müssen Sie wohl umbuchen“, so der Kapitän, „wird schon klappen“ beruhigt sein Erster.
Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen: Wir liegen immer noch am selben Platz. Udo Wölms und seine Kollegen haben die Restnacht nur unruhig geschlafen. „Vor heute Abend kommen wir hier nicht weg“, erklärt der Kapitän bei der Vormittags-Kaffeerunde. Seine Freude über eine Mögliche Kostenersparnis ist wie verflogen.
Mit dabei ein neues Gesicht: Pfarrer Hans-Werner Casper von der Deutschen Seemannsmission. „C-a-s-p-e-r wie Selbiger, the friendly ghost“, stellt er sich mir lachend vor. Der schnauzbärtige drahtige Fünfziger aus dem Hunsrück, wie Udo Wölms Kampfsportler, ist an Bord wohlbekannt und gern gesehen. „Dann schiebt mal los!“, gibt Kapitän Schneider das Go zum Landgang für die Vierte Offizierin, den Chief mate, Schiffsmechaniker Corey Wernitzky und mich.
Safari unter Anker mit Kreuz
An der Gangway parkt der dunkelblaue Casper-Bully mit der weißen Aufschrift: Deutsche Seemannsmission – German Seaman´s Mission. Hintendran, sozusagen als Firmenlogo, ein Anker- und Kreuz-Aufkleber. Der seebegeisterte, welterfahrene Gottesmann mit „Bodenhaftung“ gibt Gas. Am Hafentor nur ein kurzer Stopp. Hans Casper, nach fünf Jahren in der Stadt schon eine Institution, wird durchgewinkt. Durch die sonntägliche City steuert er auf die sechsspurige Autobahn mit Fußgänger- und Radfahrerverkehr, über grüne Hügel nach Nordwesten Richtung Pietermaritzburg. Zeit zum Fragen und Reden. Angesichts der Wohnfestungen, die wir sehen, möchten wir etwas über die persönliche Sicherheit wissen. In sein neues Haus sei jetzt schon drei Mal versucht worden einzubrechen. „In diesem Land besteht kein Schwarz-Weiß-, sondern ein Arm-Reich-Gegensatz“, erklärt er die hohe Gewaltkriminalität. Bei einer Arbeitslosenquote von 50 Prozent sei das auch nicht anders zu erwarten. Dazu die höchste Aidsrate der Welt und die Angst der Weißen, dass ihr Arbeitsplatz durch einen Afrikaner ersetzt werden könnte.
Seine Frau und er führen daher überwiegend ein Leben zu Hause, hinter Stacheldraht, mit zwei Wachhunden und Alarmanlage.
Die Pinkelpause an der Leitplanke muss, auch aus Sicherheitsgründen, kurz ausfallen. „Haltende Autofahrer werden gern überfallen“, warnt Hans Casper, „und zwar oft mit tödlichem Ausgang“. Da nütze auch nichts sein „göttlicher Schutz“.
Nach rund einstündiger Fahrt lesen wir TANA auf einem Hinweisschild. „The land of plenty“, übersetzt Hans das Zulu-Wort, „ein Wildtierreservat in natürlicher Umgebung, da fahren wir hin”. Kaum haben wir den Eingang passiert und die ersten Meter staubige Holperpiste im „Land der Hülle und Fülle“ zurückgelegt, stoppt der Pfarrer jäh an einem Tümpel. „Schaut mal da, lauter Flusspferde!“, weist er über das Gewässer. Gleich mehrere tonnenschwere Exemplare räkeln sich genüsslich in der Sonne. Die seien gefährlicher, als sie aussehen, weiß Hans, „jedes Jahr verletzten sie mehr Menschen tödlich als andere Tiere“. Unsere Fotoapparate klicken pausenlos. Hinter den nächsten Kurven im Busch und auf den Weiden, mit weitem Fernblick auf die südafrika-typischen Tafelberge, grasende Zebras, Gnus, Büffel und Strauße, die Wappentieren des Landes. Antilopen – 20 Arten gibt es hier - preschen vor unserem nur langsam rollenden Wagen über den Weg. Unter einem Baum schubbern sich Nashörner an der Rinde. Über einen Hügel ragen „Telegrafenmasten“. Die entpuppen sich beim Näherkommen als eine Herde von Giraffen. Wir kommen allen Tieren zum Greifen nahe – mit dem Auto, denn Aussteigen ist verboten. Auch wenn sie keine Scheu haben, scheinbar. Heia Safari!
Mittagspause in der landschaftsangepassten Lodge mit üppigem Büffet, namibischem Bier und – für uns – niedrigen Preisen. Auch Sovenirs. Ich kaufe ein mit Schnitzereien verziertes Straußenei. Dann klingelt Udos Handy, am Apparat der Kapitän. Wir können uns Zeit lassen, denn verholt werde nachts oder am Montag Morgen. Auslaufen erst drei Tage später. Wir diskutieren über meine Abreisemöglichkeiten. Hans Casper gibt mir den wertvollen Tipp, Mittwoch Abend einen Billigflieger nach Kapstadt zu nehmen und dort zu übernachten. „Dann hast Du noch einen Tag in Capetown und kannst Deinen Rückflug nach Deutschland stressfrei starten“. Gesagt, getan.
Auf dem Rückweg nach Durban parken wir den - von der Internationen Seeleute-Gewerkschaft ITF - gesponserten Kirchenbus vor einem bombastischen Konsum- und Vergnügungstempel. Udo und ich wollen ins Internet-Café, E-mails abrufen und schreiben. Matleena und Corey gehen einfach nur Bummeln. „Das“, so Hans, „wollen die Seeleute immer wieder gern“ und blättert erst mal in den neuesten PC-Magazinen. Mit Eisbechern bewaffnet schlendern wir zurück.
An Bord wird es noch mal dramatisch. Hans-Werner Casper stößt auf einen „Kollegen“, der keiner ist: „Zum Teufel noch mal, diesen dubiosen Vogel kenne ich nicht!“ Der pfiffige echte Pfarrer gibt den Sherlock Holmes. Er entlarvt den trickreichen Inder, angeblich von der „Mission to Seamen“, als Betrüger mit gefälschter Legitimation. „Eingeschlichen hat er sich gegen Schmiergeld an die Torwächter“, faucht Hans. Anscheinend, so vermuten wir, hat der Unbekannte es nur auf das Geld der gutgläubigen Philippinos abgesehen. Der Andere erhebt beschwörend die Bibel gegen den „Ungläubigen“. Der kontert das Ablenkungsmanöver cool mit „Firlefanz!“ und droht Polizei an. Bis Matleena als Sicherheitsoffizierin aufspringt und ihn aufgebracht von Bord jagt. Hans will am Ball bleiben, um den Fall zulösen. Don Camillo und Peppone oder Christliche Seefahrt live.
Nach dem Bord-Krimi Abschiedsstimmung. Dazu passt unser zweites Zulu-Wort: „Siyabonga!“, dankeschön! Das gilt sowohl Hans-Werner Casper, unserem Safariführer unter Anker und Kreuz, für den eindrucksstarken Tag; auch Kapitän Andreas Schneider samt seiner Crew für eine unvergessliche 19-tägige 5387-Wohlfühl-Seemeilen-Reise auf „MSC Geneva“ - über die beiden bekanntesten und wichtigsten (erdum-) spannenden Linien nach Südafrika.
Dr. Peer Schmidt-Walther
Infos:
Schiffsdaten (bisherige Schwesterschiffe: „MSC Lausanne“, „MSC Leigh“, zehn weitere folgen); Bauwerft: Daewoo Mangalia Heavy Industries (DMHI), Mangalia/Rumänien; Bau-Nr.: 4052; Ablieferung: 7/2006; Reederei: NSB Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft mbH KG; Flagge: Deutschland; Heimathafen: Hamburg; Charterer: Medierranean Shipping Company (MSC); IMO-Nr.:9320472 ;GL-Nr.: GL111704; BRZ: 50.963; DWT: 63.581 t; Schiffsgewicht: 19.033,91 t; Displacement: 82.672 t; Länge: 275 m; Breite: 32,30 m; Tiefgang (max.): 13,521 m; Höhe Kiel-Mast: 54,00 m; Crew: 23; Passagiere: 6 (max.); Klasse: GL + 100 AE5, Container Ship; TEU: 4892 in 13 Lagen breit, bis zu 7 Lagen hoch an Deck und 8 im Raum in 8 Luken mit insges. 34 Bays; Hauptmaschine: 1 x MAN B&W 7 K98 MC-C; Leistung: 40.000 kW, 54.320 PS; Verbrauch/Tag: 150 t Schweröl; Hilfsdiesel: 4 x 7L27/38 je 2100 kW; Bugstrahlruder: 1 x 1500 kW; Dienstgeschwindigkeit: 24 kn; Propeller:1 , fünfflügelig, Durchmesser: 7,9 m
Route: Hamburg-Antwerpen-Le Havre- Sines/Portugal-Las Palmas-Kapstadt-Port Elizabeth-Durban-Kapstadt-Las Palmas-Felixstowe-Hamburg; Abweichungen möglich;
Kabinen/Ausstattung: 1 Eigner-Doppelkabine, 1 Zahlmeister-Doppelkabine, F-Deck Steuerbord- bzw. Backbordseite (sehr gut schallisoliert), 1 Schlaf-, 1 Wohnraum (ca. 34 qm inkl. Bad mit Dusche/WC), 1 Doppelbett (2,05 x 1,80 m), Kleiderschrank, Kühlschrank, TV, Video/DvD, Hifi-Anlage, 2 Sofas, Tisch, 2 Stühle, Teppichboden, viel Stauraum in Sideboards und Schubladen, Ausblick (4 Fenster: 2 nach vorn, 2 seitlich; 2 davon zu öffnen, nur nach vorn manchmal durch Container verstellt).
1 Supercargo-Doppelkabine (ca. 27 qm inkl. Bad mit Dusche/WC), F-Deck Mitte, 1 Schlaf- u. 1 Wohnraum, 1 Bett (2,05 x 1,80 m), Kleiderschrank, Kühlschrank, TV, Video/DvD, 2 Sofas, Tisch, Schreibtisch, 2 Stühle, Teppichboden, Ausblick nur nach vorn (3 Fenster, davon 2 zu öffnen), manchmal durch Container verstellt.
Nutzungsmöglicheiten: Sauna, Whirlpool, Fitnessraum; Video- TV im Aufenthaltsraum mir Bar, Büchern, Zeitschriften, DvDs, Videokassetten; Liegestühle (G-Deck); Waschmaschine,Trockner, Trockenraum; Handtücher, Bettwäsche, Reinigung der Kabine (wöchentlich) durch Steward.
Buchung, Preise: NSB Reisebüro GmbH, Frachtschifftouristik, Marcus Hüneke, Violenstraße 22, 28195 Bremen; Tel.: 0421-3388020; Fax: 0421-3388090; hueneke@nsb-reisebuero.de
Internaves Frachtschiffreisen, Christina Horn, Lichtentaler Str. 14, 76530 Baden-Baden; Tel.: 07221-393837; Fax: 07221-393836; internaves@t-online.de
Eignerkabine, Zahlmeisterkabine pro Person/Tag: 95,00 €, Alleinbuchung: 110,00 €
Doppelkabine pro Person/Tag: 90,00 €, Alleinbuchung: 105,00 €