Kreuzfahrten

Zu Besuch bei Kiwis & Co
Datum: Saturday, 13.January. @ 07:15:00 CET
Thema: Kreuzfahrt allgemein


"Haere Mai - Willkommen in Auckland!" Vom Hafen ist es nur ein Katzensprung down town. Nach dem Schnuppern von Großstadtluft geht´s mit dem Mietwagen ´raus:  vorbei an endlosen Reihen ansehnlicher Bungalows mit sommerlich herausgeputzten Vorgärten. Wir wollen Landschaft „satt“ sehen, möglichst unzerstört.

Erstes Erwachen
Am nächsten Morgen vor dem Fenster meterhohe Farnbäume, Urzeit-Exemplare, wie man sie bei uns nur in botanischen Gärten findet.
So kann`s losgehen, erst mal Richtung Norden am Hauraki-Golf, der Hibiskus-Küste, entlang. Und in der Tat: subtropisches Flair rundum.
Kaum ist Auckland außer Sicht, präsentiert sich uns neuseeländische Bilderbuchlandschaft: sattgrüne, sanfte Hügel, von blauen Lupinenfeldern überwucherte Steilküsten, weitgeschwungene, einsame Strände, vorgelagerte Inseln, blauer Pazifik, und da darf dann auch der blaue Himmel nicht fehlen und die Schafe natürlich, von denen es hier mehr gibt als bei uns Menschen.
Man kann picknicken am menschenleeren Strand gegenüber Rangitoto Island: Die rauhen Felsen laden zur Austern-Party, und wenn du dann noch eine Zitrone zur Hand hast... ein bislang nicht gekannter Genuss. Garten Eden? Könnte stimmen. Das Stimmungsbarometer steigt von Minute zu Minute.
Zur Abwechslung geht`s nun querfeldein auf rumpliger Schotterpiste durch eine amphibische Fluss- und Sumpflandschaft. Entspannung danach? Kein Problem: in den hot pools von Wai-mera.

Bay of Islands
Hügelauf, hügelab den grünen Teppichboden mit weißen (Schafen) und gelben (Ginster) Farbtupfern – typische, fast englische Parklandschaft – schaffen wir`s bis Whangarei, das uns mit Gewitterdonner und wahrhaften Regenfluten empfängt. Ausgangspunkt für unsere Fahrt über eine kleine Nebenstraße immer an der Küste entlang Richtung Bay of Islands.
Hinter jeder Kurve, von jedem Hügel herab immer wieder andere Küstenansichten wie auf Postkarten. Hier anscheinend kaum beachtete Realität, für uns jedoch atemberaubende Kon-traste: mal halbmondförmig mit feinem gelben Sand, aufgefüllt von Dünen, flankiert von knorrigen Bäumen; mal mächtige Brandungstore, zackige Felsen, hohe Steilufer, Höhlen; schier undurchdringliche Mangrovewälder schieben sich dazwischen.
Da liegt sie vor uns, die Bay, Küste der Traumbuchten und rund 150 Inseln. Hier bleiben? Klar doch! Eingestreut allerdings auch nicht zu übersehen, schrottumkränzte Hütten von Mao-ris, stumme Zeugen der sozialen Situation dieser Minderheit, von der man hier sagt, sie sei besser als diejenige der Schwarzen in Südafrika und Australien.
In Waitangi lässt sich der Kolonialhistorie nachspüren, aber auch Maori-Kunst bestaunen, wie z. B. das gewaltige Kriegskanu oder das handgeschnitzte Versammlungshaus: - ein nicht un-wichtiges Neuseeland-„Zubehör“, denn hier wurde einst den Ureinwohnern durch einen zweifelhaften Vertrag mit den Kolonisatoren die Lebensgrundlage entzogen.

Vitamine, Strände, Dünen
Auch so etwas Typisches: Je weiter wir nach Norden vorstoßen in die Far North Region, um so lieblicher zeigen sich Landschaft und Klima, auch als winterlos apostrophiert. In der Gegend von Kerikeri sehen sie denn auch am Straßenrand aufgereiht, die „Vitamin-Bars auf Vertrauensbasis“, wie wir die Stände nennen: prallgefüllte Säcke voll Pampelmusen und Ap-felsinen. Einen oder zwei NZ-Dollars in die Zigarrenkiste und du kannst dich tagelang an die-sen saftigen Subtropenfrüchten delektieren.
Wie ein Zeigefinger reckt sich die Halbinsel Aupori nach Norden in den Südpazifik, gekrönt vom Cape Reinga, dem „Startplatz der Seelen“ verstorbener Maoris in die alte Heimat Ha-waiki, so will es die Legende.
Uns zieht`s allerdings erst mal an die „Ninety Mile Beach“, die es zwar „nur“ auf gut 100 Kilometer bringt, aber sei`s drum: Der Blick vom kilometerbreiten lupinenübersäten Dünengürtel ist schon etwas: feinster, breiter Sandstrand, in sanftem Bogen bis weit hinter den Horizont geschwungen. Dieser Sand ist sogar exportreif für die Glasherstellung, ähnlich wie bei Waikato der Eisensand, den sich die Japaner für ihre Autobleche holen.
Cape Reinga, nördlicher Endpunkt der 6.000 Kilometer messenden Küsten, in der Abendsonne: bizarre Steilhänge stürzen in die pazifische Brandung, gigantische wandernde Sicheldünen, kleine und große Sandbuchten, unendliche Südsee, deren Dünung in ununter-brochenen Wellen heranrollt. Bis auf den Leuchtturmwärter treffen wir keine Menschenseele. Der Wegweiser am Turm ruft uns denn auch unseren Standort ins Bewusstsein: 23.500 Kilometer von Zuhause weg und immerhin noch rund 14.000 Kilometer bis zum Panama-Kanal! Da wundert einen dann auch nicht mehr der gewaltige Zwölf-Stunden-Zeitsprung oder dass die Sonne von rechts nach links wandert und das Wasser im Waschbecken gegen den Uhrzeigersinn in den Abfluss strudelt.

Kontraste und Kehrtwendung
Kauri-Riesen und „gum-diggers“, Wild-West-Atmosphäre fast wie mit Goldrausch-Einschlag – der einst wilde neuseeländische Nordwesten. Geblieben sind ein verwitterter Kauriharz-Sammler samt skurrilem Museum und die bis zu 2000 Jahre alten, 10 bis 15 Meter im Umfang messende Fichten des Waipoua-Forrest, die ihren Yellowstone-Kollegen durchaus ebenbürtig sind.
Dann Kehrtwendung nach Süden. Unterwegs geht`s Schlag auf Schlag, z. B. 200 Kilometer südlich von Auckland: hier gelten Maden als „highlights“ – richtig gelesen. Sie hängen näm-lich als Glühwürmchen maskiert am Himmel der Kalksteinhöhlen von Waitomo und lauern unterirdisch auf Beute. Aus der Kahnperspektive auf dunklem Karstfluss lassen sie sich dabei zusehen.

Faule Eier, Dampf und Erdbeeren
Magst du üble Gerüche, blasenschlagenden Schlamm? Nun, dann bist du in „Wobblys“ Schwächezonen richtig. Die „Wackelige“, ein geradezu liebevoller Spitzname, den die Kiwis da ihrer Nordinsel verpasst haben. Dies hat einen wahrhaft tieferen Sinn, denn „Wobbly“ neigt zur Unruhe, will sagen zu Erdbeben. Geotektonisch lautet das: Sie liegt im Spannungsfeld zwischen den Hauptverwerfungslinien, wo die Kruste kracht. Also, in und um Rotorua, auch „sulphur city“ genannt, stinkt es nach faulen Eiern. Hier gibt es aber auch Besseres, nämlich emporschießende Geysire, beängstigend „atmende“ Kraterseen und gurgelnde heiße Quellen, Sinterterrassen in allen Regenbogenfarben und schwefelüberkrustete Baumruinen.
Ein echter Vorteil, dass beinahe jedes Motel „private hot pools“ anbietet. Da kann man sich im warmen oder heißen geothermischen Bad aufweichen und umnebeln lassen, an „Wobbly“ und ihre Segnungen denken. Auch daran, dass da unter einem eine Zeitbombe tickt. Die sanft gewellte hügelige Weidelandschaft mag darüber hinwegtäuschen oder die vielen freundlichen Einladungen am Wegesrand. „Pick your own strawberries“. Für ein paar Cents Erdbeeren im November – inmitten von langen weißen Dampfwolken, die aus der Erde quellen.
Spätestens bei Wairakai wird so viel Dampf gemacht, dass davon sogar ein geothermisches Kraftwerk betrieben werden kann. Blitzende Röhren und Ventile im Nebelwald.

Wasser, Wüste und Vulkane
Kaum durch die Dampfschwaden hindurch, muss man sich schon wieder mal die Augen rei-ben, so sehr blendet dich das intensive Türkis des Lake Taupo, der eingerahmt ist von dottergelben Ginsterfeldern. Ein kühles Bad im tiefen bodenseegroßen Kratersee zusammen mit Riesenforellen und umgaukelt von auf dem klaren Wasser treibenden Bimswolken? Dazu die Kulisse des Vulkanplateaus. Schneebedeckt reckt es sich aus der menschenleeren Hoch-ebene. Ginstermanschetten auch hier, bis sich die Szenerie schlagartig ändert: braunes Tussock-Gras, Lavafelder. Die Assoziation stimmt: Wüste, 53 Kilometer durch die Rangipo Desert. Seltsam daher die vielen mit mächtigen Stämmen beladenen Holzlaster, die uns entgegenröhren – eben mitten in der Wüste! Oder hat sich hier seit 10.000 Jahren auch nichts verändert, wie vielerorts in diesem Land der Gegensätze und Merkwürdigkeiten?
Wir umkreisen den Tongariro National Park und landen nach Steppenpisten-Kurverei vor einem „Skotel“, genau zu Füßen der drei Vulkanenbrüder Ruapehu (2.796 m), Tongariro (1.968 m) und Ngauruhoe (2.291 m). So stellt man sich einen „richtigen“ Vulkan vor. Mit unserem Jugendherbergs-Ausweis haben wir preiswerten Zutritt zu dieser gemütlichen Ski-hütte mit Komfort und Sauna. Aus heißem glasüberdachten Erdwärme-pool schweift der Blick über die kalten Gipfel, in deren Krater stellenweise grüne warme Seen eingebettet sind. Skilaufen, Wandern, Klettern, je nach Saison, Lust und Laune. In einem Paradies der Ruhe, das geologisch dem Unruhesystem des Pazifik zugerechnet wird.
Der Mount Egmont weiter westlich ist ein sogar noch „schönerer“ Vulkan, der vom Meeres-niveau auf 2.851 Meter ansteigt. Auch ist es um ihn herum nicht wüst, sondern fast undurch-dringlich: von Flechten überwucherter Bergregenwald gibt ihm seine persönliche Note. Die Krönung dieses größten und eindrucksvollen Kegels: eine Schneekappe, zu seinen Füßen ru-hig grasendes Milchvieh auf saftigen Weiden und noch weiter unten schwarzsandige „volca-nic beaches“.

Sturmgepeitschte Cook-Strait
Wellington, Hauptstadt der Inselrepublik, ist allerdings kein Platz zum Schwärmen: viel Be-ton, Konsum, Bürokratie und Wind.
Nach über 3.600 Kilometern kreuz und quer durch die Nordinsel graut`s uns wie dem Him-mel. Die sturmgepeitschte Dreieinhalb-Stunden-Überfahrt durch die berüchtigte Cook-Strait und durch die Fjordlandschaft des Queen Charlotte Sounds.
Der Zug schaukelt wie ein Dampfer an der menschenleeren Ostküste der Südinsel entlang, stellenweise so nah, dass Gischt die Aussicht vernebelt. Schwarzen Vulkansand türmt die Brandung zu Strandwällen auf.
Gegenüber begleiten uns die schneebedeckten Kaikoura-Ranges (2.900 m).
Christchurch. In dieser englischsten Stadt Neuseelands wird wieder mal gefeiert, was die Ki-wis auch so sympathisch macht, denn: erst die Freizeit, dann die Arbeit.

Jungfräuliche Dreitausender in der Südsee
Je weiter wir in die Berge vorstoßen, desto einsamer wird es. Da begreifst du, was es heißt, wenn in einem Land von der Größe Deutschlands ganze drei Millionen Menschen leben. Winzige Orte, wenn überhaupt, stundenlang nur Schafe, Pferde, Kühe oder nicht einmal mehr das. Aber weiter geht`s mit „highlights“: Lake Tekapo, der unwirklich türkisfarbene Lake Pukaki mit der Kulisse der Southern Alps, fast kitschig wirkt hier die „geballte Ladung“ Na-tur. Der Mount Cook, Star unter den Bergen Neuseelands und höchster ganz Australasiens, überragt mit seinen 3.764 Metern noch weitere respektable Dreitausender. Wenn man Lust, Kondition und alpine Erfahrung hat: 12 von denen sind noch jungfräulich, also unbezwungen. Auch soll`s eine der schönsten geschlossenen Hochgebirgslandschaften der Erde sein.
Lake Hawea – das klingt sanft, assoziiert Südsee. Ganz falsch ist das nicht, wenn du von den schneebedeckten Dreitausendern absiehst, der doch reichlich frischen Antarktis-Luft und den unübersehbaren Ginsterfeldern um den glasklaren tiefblauen See. Eine Bilderbuchlandschaft, die sich da still anpreist – unverbaut, unzerstört, fast unbewohnt.
Dennoch, wir ziehen weiter. Vor uns der Haast-Pass.

Mondlandschaft und Dschungel
Abrupter Szenenwechsel: Buschwald engt den Blick ein, schroffe Felswände links und rechts lassen sich nur erahnen, die gerade noch glatte Asphaltstraße wandelt sich zur wilden Schot-terpiste. Kurze Zeit später: Mondlandschaft, nur noch Büschel von steppenwüchsigem Tus-sock-Gras beherrschen den kargen Boden. Wir kommen uns ziemlich verloren vor. Bloß jetzt keine Panne ... eine Tankstelle gar? Daran brauchst du hier nicht zu denken.
Auf der anderen Seite des Passes umhüllen uns plötzlich Nebelschwaden, von den Bäumen hängen meterlange Bartflechten herab: Regenwald, Orchideen-Dschungel, Urwald (aus dem ein Drittel des Landes besteht), Kilometer um Kilometer überschwemmte Piste.
Aus dem grünen Geflecht blitzt etwas Weißes – vor uns der Fox-Glacier, im Rücken das Donnern der Tasman-See in einer traumhaft schönen Südsee-Bucht.

Eishauch, Farnwald, Pinguine
Der Fox-Gletscher lässt sich tief herab aus seinen eisigen Höhen. Seine kühle Stirn kommt fast in Kontakt mit dem Farn-Urwald, durch den hindurch du auf`s Eis klettern kannst. Weiter unten, in den fast unberührten Buchten, tummeln sich als einzige Badegäste nur antarktische Bewohner: Robben und Pinguine.
Den berühmten Milford-Track im südpazifischen Fjord-Land streichen wir: Steigungsregen macht`s ungemütlich, dazu Myriaden von Mücken und die inzwischen ausgebrochenen neuseeländischen Sommerferien.
Unsere Spuren verlieren sich an der wilden Westküste-Süd, Goldgräberromantik lockt wieder gen Norden.

Europa en miniature
In Neuseeland ist Europa am schönsten – dies ist kein neuer Werbespruch. Faszinierend ist die topographische Mischung aus österreichischen Alpen, deutschem Mittelgebirge, griechischen Zitronenhainen, französischen Weinbergen, sibirischen Steppen, spanischen Wüstenstrichen, Norwegens Fjorden, geothermischem Island, finnischer Seenplatte, aus Wild-West und Old England – alles auf 1.400 Kilometer Länge und maximal 300 Kilometer in der Breite zusammengedrängt, wobei kein Ort weiter als 110 Kilometer vom Meer entfernt liegt. Am Wendekreis des Steinbocks ist schon etwas los! Weite und Unberührtheit, das vielzitierte Gefühl von Freiheit und Abenteuer – hier kannst du es erleben. Da sind pralle Schönheiten gestaut, würde das Meer sie nicht am überfließen hindern. Das Prädikat „schönstes“ ist diesem „Ende der Welt“ also nicht ganz grundlos verliehen worden. Der Flug dorthin kostet zwar ein Sitzvermögen, aber es zahlt sich aus.

Peer Schmidt-Walther

 







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