„Malboro Channel“ - so nennen Seeleute weltweit den Suez-Kanal - wegen der Zigarettenwährung. Vom Lotsen bis zum Kanalinspektor bekommt jeder eine Stange. Sogar der Arzt der Kanal-Gesundheitsbehörde. „Warum der kontrolliert, weiss kein Mensch“, wundert sich Kapitän van der Zwan über gar nichts mehr, „denn hier ist sowieso alles anders.“ Vor allem auch die Spitzen-Gebühren. Rund 250.000 US-Dollar muss die Reederei für eine Passage hinblättern. „Die Ägypter wissen genau, dass sie mit ihren Gebühren knapp unter den Schiffskosten liegen, die man in unserem Fall für den fünftägigen Umweg rund Südafrika rechnen müsste“, erklärt der Kapitän, „auch dass wir durch den Zeitgewinn jeweils ein weiteres Schiff sparen.“
In weitem Bogen spannt sich eine Lichterkette von Afrika nach Asien. MS „P&O Nedlloyd Barentsz“ schleicht sich im Bohrinsel-Slalom durch die Bucht von „El Suweis“ oder Suez bis zum Ankerplatz.
Der Mond sichelt im Morgenrot. Winzig, die tief unter unserer Brücke wie an einer Perlenschnur aufgereihten Spielzeughäuser von Alt-Suez. Wie mag es hier 1869 ausgesehen haben, als Kaiserin Eugénie und Ferdinand Lesseps unter „Aida“-Klängen die 171 Kilometer lange und rund 500 Meter breite Wasserstraße eröffneten!
Pumpentrick
13 „Wüstenschiffe“ formieren sich am nächsten Morgen zu einem Konvoi. Über Funk schwallen arabische Kehllaute. „Barentsz“ wird die dritte Position zugewiesen. Spitze ist die „P&O Nedlloyd Honshu“. Ein ungewöhnlicher Kunde schwimmt im Acht-Knoten-Tempo mit: der 305.000-Tonnen-Tanker „Nordmillennium“ mit normalerweise 22 Metern Tiefgang. Allerdings erleichtert um 100.000 Tonnen. Die sind nämlich durch eine Pipeline ans nördliche Kanalende gepumpt worden, wo sie zurück an Bord fließen, erklärt Kapitän George Bull im Funkgespräch den Hintergrund der ungewöhnlichen Methode: „Bei Zeitmangel oder wenn wir Löschhäfen im Mittelmeer haben. So können auch wir den Kanal passieren, der nur zugelassen ist für maximal 19 Meter tiefgehende Schiffe“.
Hinter einer Signalstation bläht sich der Kanal auf – zum Großen Bittersee. In der diesig-blauen Weite, getrübt durch einen von der Sinai-Halbinsel herüber fegenden Sandsturm, ankert eine ganze Flotte von Frachtern. Der See als Rangierbahnhof im Einbahnverkehr des Suez. Täglich dampfen zwei Geleitzüge aus Norden, einer aus Süden hindurch.
Ein- und Ausblicke
Ismailia, die wohlhabende Verwaltungsstadt. Hinter einer gepflegten Uferpromenade mit Dattelpalmen halten sich luxuriöse Villen vornehm zurück. Moschee und koptische Kirche dösen friedlich nebeneinander in der Mittagsglut. „Das ist die Sommerresidenz des Präsidenten“, zeigt der Lotse auf einen Prachtbau direkt am Kanal. Während sein Kollege Ruderkommandos gibt, spielt er Fremdenführer. Gestik und Mimik des fröhlichen Ägypters lassen die Brücke unter Lachsalven dröhnen. Ernst wird er bei Al Kantara, wo ein Denkmal mit zwei erbeuteten israelischen Panzern an den Sechstagekrieg 1967 erinnert. „Erde und Wasser waren hier damals blutgetränkt.“ Noch immer ist das Ufer gespickt mit Militärposten und Pontons zur schnellen Kanalüberquerung. Die neue Hochbrücke findet nicht die Billigung des Lotsen: „Ein Tunnel wäre aus vielen Gründen besser gewesen: mehr Sicherheit, unbegrenzte Passagehöhe, zum Beispiel für Bohrinseln, und niedrigere Kosten.“
Reisfelder spiegeln sich in Wasserquadraten. Der vom Nil abgezweigte 100 Kilometer lange Bewässerungskanal macht´s möglich: aus Gelb wird Grün. „Der Wüstenboden ist da drüben in über 500.000 Hektar fruchtbares Ackerland verwandelt worden“, so der Lotse. Erst ab Horizont dehnen sich im Osten endlose Sandfelder.
Wir lassen Port Said links liegen. Der Tiefwasserweg führt östlich an der Stadt, arabisch Bur Sa´id, vorbei. Minarette und Kräne grüßen im Gegenlicht herüber. „Salam, gute Reise und Tschüß!“ verabschieden sich die beiden freundlichen Ägypter nach zwölf Stunden Kanalfahrt und preschen im Lotsenboot zu ihrer Station. Das Mittelmeer bläst uns kühl ins Gesicht. Die Container röhren im harten Wind. Abschied vom Orient.
Nur noch 3700 Seemeilen bis zum fahrplanmässigen Ende der Reise in Hamburg.
Suezkanal im Überblick
• Länge: 171,25 km zwischen Mittelmeer und Rotem Meer
• Erbauer: Ferdinand de Lesseps (1805 - 1894)
• Bauzeit: April 1859 – November 1869 (erste Bauversuche schon 1290 v. Chr. Durch Ramses II.); Kontrolle der Kanalzone bis 1956 durch britische Truppen, danach durch Ägypten (trotz vertraglicher Nutzungsregelung bis 1968)
• Feierliche Eröffnung: 17. November 1869 durch den Khediven Ismail Pascha mit Premiere der Verdi-Oper „Aida“; erstes Schiff: „L´Aigle“ mit der französischen Kaiserin an Bord
• Erdbewegungen: 75 Mio. Kubikmeter durch 25.000 Arbeiter
• Baukosten: rund 20 Mio. Pfund Sterling
• Seewegverkürzung: rund 56 %
• Fahrtzeit: rund ein Tag unter Lotsenberatung (interessante Einblicke in Landschaft und Leben links und rechts des Wüstenkanals)
• Transitkosten: z.B. für einen 100.000-Tonnen-Containerfrachter: 250.000 US-Dollar (Gebühren drittwichtigste Einnahmequelle Ägyptens); zeitlich und kostenmäßig günstiger als eine Umrundung Afrikas
• Konvois: Start zwei Mal täglich in Suez (Süden) bzw. Port Said (Norden) unter Nutzung von Ausweichstellen, u.a. im Großen Bittersee
• Schiffsgrößenbegrenzung: voll abgeladene 150.000-Tonnen-Tanker (max. Tiefgang: 19 m)
Dr. Peer Schmidt-Walther