Kreuzfahrten

Zwischen Checagou und Manitou
Datum: Monday, 13.February. @ 13:05:00 CET
Thema: MS Columbus


Das größte zusammenhängende Binnenwassersystem der Erde entdecken
Dreimal grollt es dumpf über der Bucht von Mackinac. Das historische Fort ist in weißen Pulverdampf gehüllt. Soldaten in britischen Uniformen des vorigen Jahrhunderts stehen Gewehr bei Fuß. Freundlich-militärischer Kanonen-Salut für das 144 Meter lange Kreuzfahrtschiff „Columbus“ von Hapag-Lloyd, das vor dem kleinen Hafen auf Reede ankert.

„Das ist der größte Liner, den wir jemals hier gesehen haben“, staunt John Steiner. Der Ame-rikaner bereist mit seiner Familie das Gebiet der Großen Seen im nördlichen Mittleren Westen der USA. „Aber ihr fahrt bequemer als wir“, erkennt er den Vorteil einer 2.000-Seemeilen-Schiffsreise durch seine Heimat. Er und seine Frau - „with german roots“, deutscher Abstam-mung wie viele entlang der 10.000 Kilometer langen Uferlinie - können es kaum fassen, dass einzig und allein der deutsche 14.903-Tonner mit Passagieren auf dem gesamten Riesenge-wässer unterwegs ist. So wie ihnen geht es vielen. „Aus Deutschland kommt ihr? Unbe-lievable - unglaublich!“ Zwischen Ende August und Mitte Oktober taucht die „Columbus“ an den Küsten nicht nur des „Michi gami“ auf. Der von den Indianern so bezeichnete „große See“ ist Synonym für alle fünf geworden..
Selbst für die sensationsverwöhnten Amerikaner ist das „german boat“ Anlass, um in Scharen zusammenzulaufen. Von hohem Nachrichtenwert für die lokalen Zeitungen und Fernsehsen-der. So herzlich wie die Begrüßung fällt jedesmal die Verabschiedung aus. Meilenweit eskortiert von einem hupenden Bootskorso. Einmal lang und zweimal kurz dröhnt, wie hier üblich, das Typhon zurück. Über Wolkenkratzer, Wasser und Wälder. 

Platzhirsch in exklusivem Fahrtgebiet
Zwei Jahre nach seiner Ablieferung von der Wismarer MTW-Werft ist das elegant geschnittene Motorschiff noch immer der „Platzhirsch“, wie es Kapitän Thilo Natke salopp formuliert, zwischen Chicago, Duluth und Toronto. Der schlanke, nur 21,5 Meter breite Schiffsrumpf ist maßgeschneidert – nichts ragt über das glatte Profil hinaus – für ein reibungsloses Auf und Ab durch das Schleusensystem des Sankt-Lorenz-Seeweges. Diese 16 Wassertreppen, 1959 fertiggestellt, heben ein Schiff bis zum Lake Superior rund 200 Meter hoch. In der Große-Seen-Fahrt sind im übrigen noch ganz andere Brocken unterwegs. Die größten werden hier „Tausendfüßer“ genannt. Erz-, Weizen- und Kohlefrachter von 1.000 Fuß oder rund 300 Metern Länge mit einer Tragfähigkeit von über 70.000 Tonnen. Sie sind wegen der Schleusenmaße – manche sind dennoch größer als im Panama-Kanal – Gefangene ihres Fahrtgebietes: hier gebaut und „dank“ ihrer gewaltigen Abmessungen ohne Chance, jemals den Atlantik zu sehen. Andere, kleinere kommen aus Europa und der übrigen Welt mit Containern. Aus Duluth zum Beispiel, dem größten Binnen-Seehafen der Welt, schleppen sie Papier, Holz, Weizen und Erz zurück über den Atlantik. 

Eiszeitfolgen und Fünf-Seen-Fahrt
Die entscheidenden Vorleistungen für die Seeschiffahrt erbrachte das Eis durch seine tief-schürfende Arbeit vor 10.000 Jahren. Mehrere Kilometer mächtige Gletscher hobelten damals ein Becken aus dem granitenen Urgesteinsgrund, in das flächenmäßig ganz Deutschland passen würde. Allein die Wassermassen des Lake Superior, größtes Süßwasserreservoir der Erde, könnten die USA einen Meter hoch bedecken.   
Ein spontan-ehrliches „Oh!“ entfährt der Dame im Decksstuhl, als Kreuzfahrtdirektor Werner Franke im morgendlichen Lautsprecher-breefing die Tiefe mit knapp 400 Metern Wasser un-term Kiel angibt. Zwischen 311 und 563 Kilometern Länge ziehen sich die fünf Binnenmeere Superior, Michigan, Huron, Erie und Ontario hin. Über 2.342 Seemeilen muss ein Schiff vom Atlantik bis zum äußersten Zipfel des Lake Superior dampfen. Das entspräche der Entfernung von Neufundland zum Englischen Kanal über den „großen Teich“. Und das mitten in Ameri-ka! Das Revier gilt denn auch als das größte zusammenhängende Binnenwassersystem der Erde, in dem drei Viertel des weltweiten Frischwassers gespeichert sind. Wie winzig dagegen die Menge von 250 Tonnen, die Chief-Ingenieur Hans-Gustav Filipic in seiner Anlage im „Keller“ täglich produziert.

Sanftes, wildes Wasser
Schon beim Anflug auf Chicago hat man das Gefühl, über einem Meer zu schweben. Die knapp zweiwöchigen Seen-Reisen verstärken dieses Gefühl noch. Dennoch muss man auch bei fünf oder sechs Windstärken mit eineinhalb Meter hohen, aber sehr kurzen Wellen keine Seekrankheit fürchten. Herbstliche und winterliche Stürme brechen um so verheerender los. Im November 1975 zerbrach der 30.000-Tonnen-Erzfrachter „Edmund Fitzgerald“ mit 29 Mann in den bis zu sieben Meter hohen Wellen des Lake Superior und versank in Minuten-schnelle. 10.000 Wracks auf dem Grund der Seen und ein Ortsname wie Thunderbay sprechen eine deutliche Sprache. Mindaugus Balanda, kurz „Gus“ genannt, sorgt allerdings für eine sichere Fahrt der „Columbus“. Der freundliche Riese aus Litauen entpuppt sich in jedem Hafen nicht nur als begeisterter Radler, sondern er befährt auch die nordamerikanischen Gewässer schon seit 25 Jahren – eine Lotsen-Legende sozusagen. Selbst die einsame Teufels-Insel vor der wilden Küste von Wisconsin verliert unter seiner Obhut ihre Schrecken.
Um so mehr kann man sich im Sommer der eindringlich nördlich-herben Schönheit der scheinbar endlosen wald- und wasserreichen Region – Paradies für Naturfreaks und Wasser-sportler – widmen. „Ein alter Traum von mir“, gesteht Ulrich Kempf aus München. „Per Auto oder Camper kämen wir wohl niemals überall dahin, wo wir jetzt anlegen, zum Beispiel zu den Inseln“, begründet er die Reisewahl. „ ‚Columbus‘ hat ‘s möglich gemacht“, ergänzt seine Frau Gerda. „Da kann man nur seh-krank werden!“ Schon 1608 gingen hier Franzosen vom kanadischen Quebec aus auf Entdeckungsreise: auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage, dem direkten Wasserweg zum Pazifik.

Checagou und mehr
Reiseleiterin Anne, eine Holländerin aus Amsterdam, schwärmt von „ihrem“ Chicago. Die drittgrößte Stadt der USA, in der 85 Nationalitäten zu Hause sind und 54 Sprachen gesprochen werden, wurde von den längst ausgerotteten Woodland-Indianern einst „Checagou“ – „groß und stark“ – genannt. Das war 1000 vor Christus, aber doch mit Blick in die Zukunft. Heute pulsiert in der sauberen Acht-Millionen-Metropole im Staate Illinois das Leben. Fernab von längst überholten Mafia-Vorstellungen, Schlachthofgerüchen und Schmuddel-Image. Chicagos Kunst-, Musik- und Kulturszene ist mittlerweile „incomparible“ – uvergleichlich. Eingeschlossen die Skyline mit dem Sears Tower, einem der höchsten Gebäude der Welt – und einem traumhaften Blick aus 442 Metern Höhe über Stadt und Mi-chigan-See. Kein anderes deutsches Kreuzfahrtschiff hat in dieser Region zwischen Großstadtpflaster und Naturpfaden, fernab vom internationalen Massentourismus, bisher angelegt. Michigans lange weiße Sandstrände und die türkisklaren warmen Fluten sind für Badegäste nicht ganz ungefährlich: Sonnenbrand – über 2.500 Stunden jährlich strahlt hier der heiße Planet – lässt einen schnell zur Rothaut mutieren. Mit dem berühmten „Indian Summer“ und seiner herbstlich-flammenden Laubpracht hat das allerdings nichts zu tun. Manitou lässt grüßen, dem zu Ehren eine Insel im Lake Superior benannt wurde. 

Lederhosen und Biertradition
Frühmorgendlicher Blick aus dem Kabinenfenster: „Columbus“ liegt in einem Meer von leuchtendgelben wilden Sonnenblumen. Ungewöhnlich, wären da nicht die aus dem Dunst herausragenden Wolkenkratzer. „Versammlungsplatz am Wasser“, wie Milwaukee aus dem Indianischen übersetzt heißt. Gelegen im Staate Wisconsin oder in der Sprache der Urein-wohner: „Ouisconsin“ – wo die Wasser zusammenfließen. Doch auf der Coast-Guard-Pier dominieren Dirndl und Lederhose. Frank Herzberg lüftet seinen Gamsbarthut und begrüßt den Ankömmling mit einem stilechten „Grüß Gott!“ und einheimischem Gerstensaft. Er, seine Frau Dr. Ruth Hartmann, gebürtige Naumburgerin, Magrit Heitmann aus Brake an der Unter-weser und Traudl Messer, von der Bierstadt Radeberg nahe Dresden ausgewandert, bilden das sächsisch-niedersächsisch-anhaltinisch-bayerische Empfangskomitee vom Verein „German Fest Milwaukee ‚Gemütlichkeit‘ “. Mit allen Dialektvarianten zwischen Flensburg, Rostock, Dresden, Dorsten und Garmisch. Sogar einen mecklenburg-vorpommerschen Heimatverein gebe es, wo man sich immer wieder gern an die alten Zeiten erinnert: mit dabei auch Stral-sunder, Doberaner und Greifswalder. Ihre seit Jahrzehnten neue Heimat ist die „deutscheste Großstadt“ der USA. Geprägt von Bierbrauereien, landsmannschaftlichen und Turnvereinen, Feuerwehr und Kleinstadtatmosphäre – trotz eineinhalb Millionen Einwohnern. Gastfreund-schaft wird im Mittleren Westen großgeschrieben.
Als der Ex-Schwabe Joe Rosenzweig aus der Passagiersrunde das mundartliche „Heilandzack!“ vernimmt, bricht ‘s aus ihm heraus: „Ein Fluch aus der Heimat ist mir lieber als 1.000 Dollar.“ Gerührt greift er in die Tasche und fördert mit den Worten: „Gift für deine Frau!“ einen kleinen handgearbeiteten Anhänger zutage.

„Columbus day“ mit Titelheld
Ungewöhnlich ist es schon, das Weckkonzert: die vielfach variierten Klänge der deutsch-amerikanische Nationalhymnen dringen von der Pier durch das Kabinenfenster. „Willkommen in Duluth/Minnesota!“, flattert das Spruchband über dem Empfangsgebäude des entferntesten Seehafens im Sankt-Lorenz-Seaway-System. Kapitän Thilo Natke dankt dem Oberbürgermeister für den herzlichen Empfang und den attraktiven citynahen Liegeplatz, der extra für den Kreuzfahrer hergerichtet worden ist.
Ein anderer Stadtchef, gebürtiger Münchner, ist sogar aus 100 Kilometern Entfernung ange-reist. Anzug zur Feier des Tages: Frack und Zylinder. Im Festzelt wechseln Gastgeschenke die Besitzer, nachdem der 7. September offiziell zum „Columbus day“ erklärt worden ist. Schulkinder bekommen frei dafür. Der „Dreamship“- Captain ist am nächsten Tag Titelheld der Lokalzeitung. Uta, Studentin aus Rostock, und Benedikt, Schüler der Internatsschule Torgelow, sind tief beeindruckt von der Sympathiewelle und überzeugt, dass es so etwas in Deutschland nicht geben würde.


Bonnie and „Kraut“
„Kann ich Ihnen helfen?“, fallen die gelben Anstecker mit schwarz-rot-goldener Flagge ins Auge. Ulrich Hill ist einer der rund 20 Träger an der Gangway. „Hallo, ich bin Kraut“, stellt er sich breit lachend vor und ergänzt: „So kennen und nennen mich hier alle.“ Das sei durch-aus liebevoll gemeint, denn die Deutschen haben hier einen guten Ruf. Ulli ist als 16-Jähriger mit seinen ostpreußischen Eltern aus Mecklenburg weg. Er sucht nach Worten und verfällt bald wieder in einen englisch-deutschen Mischmasch: „Ich muss a lot sprechen with you“. Dafür hat der Mechaniker einen ganzen Tag frei genommen. Spontan stellt er sich als „guide“ zur Verfügung: mit Stadtrundfahrt, Besuch des Schiffahrts- und Eisenbahnmuseums samt Seenfrachter und größter Dampflok der Welt, „Kaffeeklatsch“ in seinem Stadthaus und Aus-flug zum Ferienhaus an einem See im Wald weit vor der 90.000-Einwohner-Stadt. „Viele Schwarzbären sind around hier und meine neighbours. Die kommen sogar down bis in den Hafen“, erzählt er völlig unaufgeregt.
Ulli und seine Frau Bonnie – „ich wird‘ diesen Tag never vergessen!“ – freuen sich auf das Abendessen an Bord – als Dankeschön für ihre überwältigende Gastfreundschaft. Hoteldirek-tor Helmut Rödig hat ‘s möglich gemacht. Als gegen Mitternacht die Gangway eingeholt wird, gehen die beiden von Bord. Meint Ulli: „Grüß mir die Heimat und Mecklenburg-Vorpommern – Deutschland geht mir doch noch über alles!“ Durch das Dröhnen des Typhons hört man vielstimmige Abschiedsrufe: „Auf Wiedersehen, ‚Columbus‘!“

                                               Peer Schmidt-Walther

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