„Der Teufel ist Zeuge!“
Ein Kapitän, sein Schiff und seine Ehe: schon 40 Jahre lang sturmerprobt
Stralsund. Vor einiger Zeit paddelte ich auf dem Strelasund und traf den dänischen Seemann Finn Jensen, der auch ein See-Kajak fuhr. Sein Frachter „Monsunen“ lag gerade im Stralsunder Südhafen. Bei meinem Besuch an Bord gibt es eine zweite Überraschung: Auch Kapitän Karl Andersen ist Kanute - mit Boot an Bord.
„Finn hat mich angesteckt“, verrät er. Wenn sie auf Ladung warten wie jetzt, gebe es schon mal Zeit für ihren Wassersport. „So lernen wir die Umgebung der Häfen am besten kennen“, sind die beiden Dänen überzeugt. Ein absolut ungewöhnliches Hobby für Seeleute. „Keine Angst“, lächelt Finn, „wir gehen auch gern an Land“. Gerade hätten sie sich die „Gorch Fock“ angesehen und das Stralsunder Bier im „Klabautermann“ genossen.
Andersen war auch schon zu DDR-Zeiten mit seinem Kümo in der Hansestadt. „Bis heute sind´s mehrere Dutzend Male“, schätzt er. Damals luden sie im Nordhafen Briketts und Salz und transportierten das nach Dänemark. Vor der Wende wurde am heutigen „Fischermann´s“-Speicher der Laderaum mit Getreide gefüllt.
Vierzig Jahre hat der 1965 in Fredérikshavn gebaute Frachter (550 tdw, 48,1 m Länge, 8,60 m Breite, 3,10 m Tiefgang, 9 Knoten) schon auf dem stählernen Buckel. Sein Taufname war „Ota Riis“, bis ihn 1972 Andersens Vater Carlo kaufte. Weil der schwer krank wurde, löste ihn Sohn Karl auf der Brücke ab. „Ingesamt fahre ich jetzt schon 48 Jahre zur See“, sagt der 63-Jährige aus der Segelschiffs-Hochburg Svendborg auf der Insel Fünen, „und meine Ehe hält schon so lange wie das Schiff alt ist“. Es werde aber Zeit, meint er, endlich nach Hause zu gehen, wo ich insgesamt nur sieben Jahre war. In drei Monaten sei es soweit: „Dann kann ich mich endlich um Frau, Hund, Garten und die Angelei kümmern“. Kajak werde er natürlich auch weiterhin fahren.
Und Tschüß!
Das Fahrtgebiet der kleinen „Monsunen“ erstreckt sich zwischen Nordkap, Nordafrika und Mittelmeer. „Dabei haben wir manchen Sturm abgeritten“, verweist der Kapitän auf das symbolträchtige Wappen am Steven: eine aus vollen Backen pustenden Wolke. Inzwischen blase der Wind nur noch von vorn: zu klein das Schiff und zu dürftig der Verdienst, begründet Karl seine Verkaufsabsichten. „Nach der langen Zeit und bei den heutigen Bedingungen gehe ich leichten Herzens von Bord“. Er sagt das ohne Emotionen, aber auch: „Etwas weh wird mir allerdings, wenn ich daran denke, was dem Schiff nach dem Verkauf blüht“. Eine gemeinnützige private Organisation wolle das Kümo kaufen und soziales Training mit straffällig gewordenen Jugendlichen anbieten. „Dann geht´s den Bach ´runter mit ´Monsunen`“, befürchtet er. Auch Steuermann Finn geht nach elf Jahren Bordzeit, „weil ich den Niedergang unseres Dampfers nicht erleben möchte“.
Noch präsentiert sich der rüstige Frachter-Oldtimer bestens in Schuss. Gepflegt von Pjotr Rosonowicz aus Polen und Ernest Gymf aus Ghana. „Er ist schon 27 Jahre an Bord unseres Schiffes“, erzählt Andersen, der auch gleichzeitig der Eigner ist und ergänzt: „Ein Rekord, weil du so eine Treue kaum noch findest“. Der Afrikaner bekräftigt das mit seinem Standardspruch: „Der Teufel ist Zeuge!“ Beide Allround-Matrosen kümmern sich nicht nur um das Äußere „ihres“ Schiffes, sondern auch um den 500 PS-Volvo Penta-Schiffsdiesel und sogar das leibliche Wohl der vierköpfigen Crew. An diesem Mittag stehen Kohlrouladen auf der Speiserolle. „Natürlich auf polnische Art“, verkündet Pjotr stolz.
Irgendwie stolz ist auch Karl: „Dass ich als Schiffsjunge noch vor dem Mast gesegelt bin“. 1942 kaufte sein Vater den Schoner „Monsunen“: 1914 in Marstal gebaut und mit 140 Tonnen vermessen 1957 wurde das inzwischen zum Motorsegler umgebaute Holzschiff von der „Monsunen“ (II) abgelöst. 1972 machte der seine längste Reise: zu den Falkland-Inseln im Südatlantik, wo er fortan als Versorger fuhr.
Inzwischen sind die Vier mit MS „Monsunen“ (III) längst wieder ausgelaufen mit Kurs auf Oxelösund. „Da waren wir schon 255 mal“, weiß Andersen auf Anhieb. Auch ein Rekord. In dem Hafen südlich von Stockholm wird wieder Stahl geladen. Diesmal für Fredericia in Nordjütland. „Vielleicht schaffen wir ja anschließend noch eine Reise nach Stralsund“, verabschieden sich Karl und Finn optimistisch, „dann paddeln wir mal alle Drei gemeinsam“.
Dr. Peer Schmidt-Walther
Im Web: Kreuzfahrt