Mini-Kreuzfahrt durch die „grüne Hölle“ des Insel-Paradieses
Geschrieben am Friday, 12.January. @ 03:35:00 CET von redaktion |
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Das andere Gesicht der Bahamas „Hallo! Seid ihr fit für unseren Törn?“, begrüßt uns Erika Moultrie, die zierlich-sportliche Chefin von „Kayak Nature Tours“ und schiebt lässig ihren Tropenhelm ins Genick. „Wo-her ich meine Deutsch-Kenntnisse habe? Ich stamme aus Oberhausen im Ruhrgebiet und lebe schon seit zwanzig Jahren hier“, lüftet sie ihr „Geheimnis“ gegenüber drei Passagieren der „Sovereign of the Seas“. Sie wollen nicht in erster Linie baden gehen, sondern abtauchen im Busch der Bahamas. „Na, dann nichts wie los!“, gibt die jugendliche Mittfünfzigerin locker das Signal zum Auf-bruch und schwingt sich hinter das Lenkrad des Kleinbusses mit Anhänger. Auf dem sind Kajaks festgezurrt für unsere Mini-Kreuzfahrt durch die „grüne Hölle“ von Grand Bahamas. Skeptische Blicke und Fragen, ob denn die Kunststoff-Boote nicht zu „kippelig“ seien, spielt sie lächelnd herunter: „Damit sind schon ganz andere hier gepaddelt. Also schafft auch ihr das mit Leichtigkeit.“
Sanfter Tourismus Während unser Kreuzfahrtschiff einen Tag in Freeport pausiert, brechen wir auf in die Wildnis von Grand Bahama. Mit der Absicht, das sanfte „andere Gesicht“ der Bahamas zu erkunden und damit den Klischees von dominierenden Großhotels, Spielcasinos und Kreuzfahrerflotten mit ihren Menschenansammlungen Paroli zu bieten. Auf der verkehrsarmen Piste des „Grand Bahama Highways“ rollt unser „Kajak-Express“ von Freeport, der Inselhauptstadt, über ein engmaschiges Netz von Kanälen und nach kurzer Zeit durch dichten Kiefernwald. „Fast wie in Brandenburg, nur viel wärmer“, staunt Tom, und Erika weiß dazu Erstaunliches zu berichten: „Unser Pflanzenwuchs ist tropisch mit westindischen und nordamerikanischen Elementen. Aber, was ihr euch bis eben nicht vor-stellen konntet, wir haben auch einen ganz ordentlichen Waldbestand: Mahagoni, Eisenholz, Ebenholz, Farbhölzer, Palmen und jede Menge Kiefern, die auf dem Kalk-Sandboden hier gut gedeihen. Sogar exportiert wird das Holz.“ Die engagierte Naturschützerin hält uns während der 35-Kilometer-Fahrt außerdem einen kleinen Vortrag über ihre Wahlheimat: „Die besteht aus über 700 großen und 2.000 kleinen Inseln, den Cays. Verteilt sind sie auf einer Wasserfläche von 260.000 Quadratkilometern im Atlantik. Damit ist das Gebiet größer als die Landmasse vom ehemaligen Mutterland Großbri-tannien. Für eine große Zahl von Pflanzen- und Tierarten sind die Bahamas so etwas wie eine letzte Zuflucht. Als erster Staat in der karibischen Region haben wir uns daher den Schutz und die Erhaltung der Natur auf die Fahnen geschrieben.“ Als Verfechterin eines sanften Touris-mus hat sie an der Ausarbeitung der „National Ecotourism Strategy“ mitgewirkt: „Wir begrei-fen Ökotourismus als eine umweltverträgliche Form des Reisens. Dadurch soll das natürliche, historische und kulturelle Erbe erhalten sowie ein entsprechendes Bewusstsein und Verhalten gefördert werden.“
Ungewollte Duschen „Natur pur“ heißt denn auch unsere Devise. Erika biegt vom Highway ab und lenkt unser Ge-fährt auf schmaler Spur durch den Busch – bis wir auf einen klaren Wasserlauf stoßen. „End-station! Nun seid ihr dran, Kajak-Freunde!“ Erika rangiert den Anhänger rückwärts auf den schmalen Strand. Im Nu sind die Boote zu Bach. „Paddelfieber“ bricht aus: noch chaotisch-unkoordiniert die Armbewegungen mit ungewollten „Duschen“ von allen Seiten. Ben, Erikas einheimischer Assistent, bringt mit ruhigen Anweisungen alles ins Lot und uns auf Kurs. Unter seiner sachkundigen Führung gleitet die Zweier-Kajak-Kolonne flussaufwärts. Undurchdringlich der sattgrüne Saum des „Flusses“, der sich als Gezeitenkanal entpuppt. Das Wasser mit zwei Meter Sichttiefe bis auf den Grund strömt uns voll entgegen: Ebbe. „Macht euch keine Sorgen deswegen“, ruft Ben herüber, „wir haben genügend Zeit für die paar Meilen!“ Plötzlich sind Tom und er wie von der Bildfläche verschwunden, aber ebenso schnell hinter einer Biegung zwischen armdicken Mangrovenwurzeln wieder aufgetaucht. Die Fahrrinne verengt sich auf Bootsbreite. Steuerblatt und Zwei-Meter-Paddel verheddern sich hoffnungslos im Geäst. Da hilft nur eins: Ruder hochklappen und Paddel auseinandernehmen. Jetzt heißt es nach Kanufahrer-Art, eng am Boot ins Wasser „stechen“. Das Naturtunnel-Dickicht schluckt Sonne und Himmel. Schweißgebadet geben wir auf. Voran kann es nur noch per Hand gehen. Meter um Meter ziehen wir uns an den glitschigen Stelz-wurzeln vorwärts. Ein Schrei zerreißt die Stille, und Julitta schleudert einen dreißig Zentimeter langen gebogenen Mangrove-Keimling angeekelt weit von sich: „Ich hab‘ den tatsächlich für eine Schlange gehalten“, entschuldigt sich Julitta etwas kleinlaut, und Ben lacht: „Keine Angst, Leute, hier gibt’s weder giftige Schlangen noch andere gefährliche Tiere!“ Stattdessen zeigt er uns eine rote Krabbe, die auf seinem schwarzen Arm herumturnt.
Seh- und Hörpausen Schlagartig weitet sich der enge Wasserschlauch zu einem kleinen See, blauer Himmel und strahlende Sonne begrüßen uns wieder. Pause. Die paddelungewohnten Arme baumeln schlaff herab, die Hände zum „Abkühlen“ im Tümpel. Zur Stärkung genügt ein Schluck aus der Wasserflasche. Über uns kreisen in großer Höhe Gänsekopfgeier, aber noch sind wir nicht „reif“ für sie. Unter uns Schwärme von bunten Fischen, die ein jagender Barrakuda hin und wieder in die Luft schnellen lässt. Papageien krächzen aus dem Dickicht und ein Waschbär pirscht durchs Unterholz. Immer wieder legen wir daher Seh- und Hörpausen ein, um der Natur auf die Schliche zu kommen. Das Landschaftsbild wandelt sich abrupt: Dornengestrüpp und hohes Gras suggerieren „Steppe“. An einem wackeligen Holzsteg erwartet uns Erika: „Boote anbinden und fertigmachen zur Wanderung“, verkündet sie den nächsten Programmpunkt. Auf einem Knüppeldamm wanken wir an die Küste. Durch den Casuarinen-Wald schimmert türkis der Atlantik. Kilometerlang der feinsandige Strand. Nichts erinnert an Tourismus, und Erika erklärt auf unsere verwunderte Frage: „Hier im Lucayan-Nationalpark steht auf fast hundert Kilometern kein einziges Hotel. Das ist in den zwölf Nationalparks mit 100.000 Hektar Land- und Wasserfläche verboten.“ Picknick am Strand und Badevergnügen. Ein paar einheimische Frauen reiben sich mit dem feuchten, feinen Kalksand die Haut ab. Natur-Peeling oder: aus Schwarz wird Weiß.
Atlantisches Schaukel-Vergnügen Auf dem Rückmarsch zu den Booten beobachten wir Vögel und lassen uns von Erika und Ben Pflanzen erklären. Ein Baum ist allerdings giftig. Schon die Berührung soll Hautausschlag und Atemlähmungen verursachen. Finger davon! In einer Kalkhöhle schwimmen Meeresfische. Einst hatten sie durch unterirdische Kanäle Zugang zum Atlantik. Aber die wasserdurchlässigen karstähnlichen Kalkplatten der Bahamas, die geologisch mit denen von Florida und Kuba verbunden sind, können ihre Lage verändern. Salzwasser adé, und die Fische saßen in der Falle. Blieb nur noch die Anpassung an das ungewohnte Milieu. Fast so ergeht es uns, denen das Paddeln mit dem Strom immer mehr Spaß macht. Krönender Abschluss: eine bewegte Fahrt auf die offene See. An der Mündung rollt uns Ozeandünung entgegen, hebt die leichten, kleinen Boote spielend auf den Wellenkamm und lässt sie torpedoartig zu Tal schießen. „Ist das herrlich!“, schreit Julitta gegen den Wind an, bis ein Brecher ins – Gott sei Dank untergangssichere – Boot schlägt. Signal zur Umkehr! Voll Wasser, aber ebenso voller Erlebnisse klettern wir durchnässt an Land. Die frische Passat-Brise trocknet uns bei 30 Grad schnell. „Ahoi! Hat’s euch gefallen?“, erkundigt sich Erika mit Kanutengruß. Wir beschließen spontan, beim nächsten Mal mit ihr die große Nordküsten-Tour zu paddeln.
Dr. Peer Schmidt-Walther
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