„Was würdest Du sagen“, fragte ich einen Freund per Handy, „wenn ich Dir erzähle, dass ich im warmen Meerwasser schwimme und ein Eisberg treibt vorbei?“ Er zögerte, aber dann kam´s wie aus der Pistole geschossen: „Du spinnst, mein Lieber!“
Was ich ihm geschildert habe, ist nicht etwa Seemannsgarn, nein, blanke Realität. Wenn MS „Hanseatic“, das einzige Fünf-Sterne-Expeditions-Kreuzfahrtschiff der Welt, mal wieder in der Arktis unterwegs ist. Wie alljährlich im Sommer zwischen Grönland und Island. Ein exotisches Luxusabenteuer, das im Trend liegt. „Die Entdeckerin mit Stil“, lautet dazu der Hapag-Lloyd-Slogan. Mit an Bord 111 Enthusiasten. Einige glauben, schon alles gesehen zu haben zwischen Nord- und Südpol und kokettieren ganz gern damit: „Was, da waren Sie noch nicht?!“
Das schürt einen unausgesprochenen Wettbewerb. Ein weiterer Pluspunkt, um den Kreis der Auserwählten noch enger zu schließen.
Was aber treibt die welterfahrenen Individualisten auf Gruppenreise in die Kälte? „Arktis-Sehnsucht“, sagen die Kenner, „Ruhe fernab der Zivilisation suchen und Natur in ihrer ganzen Ursprünglichkeit erleben“, hoffen andere. Oder auch: „Authentisch das Fremde zu erfahren, das man sonst nur aus Büchern oder vom Fernseher her kennt“. Beides ist, werden sie später schwärmen, haushoch übertroffen worden von der eigenen Anschauung. Die sei nun mal durch nichts zu ersetzen.
Die Brasilianerin Nina Rosario findet Grönland einfach „cool“: „Copacabana, Strand und Hitze, das ist auf die Dauer langweilig“. Manche Deutschen freuen sich auch, den tropischen Temperaturen zu Hause entflohen zu sein. Denn mehr als zwanzig Grad im Schatten schafft die Sonne über der Eisinsel ziemlich selten.
Von wegen öde
Nur 35 000 Touristen pro Jahr besuchen Grönland, die größte Insel der Welt mit einer Ausdehnung von rund 2600 mal 1000 Kilometern. Was einer Entfernung von Oslo bis in die Sahara entspricht. Dazu passt das wüstenhafte Klima mit mehr Sonnenstunden als Niederschlag. Als nämlich unser Flieger wacklig in Söndreströmfjord landet, wird er von einem Sandsturm durchgeschüttelt. Gelblich-graue Wolken wirbeln das karibikfarbene Fjordwasser auf. Dieser kontraststarke Anblick in Kombination mit kahlen Felsen und karger Tundra entfacht prompt den ersten Ehestreit im Bus zum Hafen. 15 Kilometer, die längste Straße im Land, ein Dauerfeuer von Vorurteilen: „Hab´ ich doch Recht, dass hier alles öde ist! Lohnt sich einfach nicht!“, wettert die Frau, aber ihr Mann bleibt gelassen: „Du wirst schon noch sehen...“
Gleich nachdem die „Hanseatic“ den staubigen Ankerplatz verlassen hat, geht es auch schon los. Man lehnt staunend an der Reling, von eisigem Wind angeblasen. Kaffeetasse und Sonne spenden Wärme. Der Kurs ist auf 180 Kilometern durch steile Fjordwände vorgegeben. Gletscherzungen lecken ins milchig-trübe Schmelzwasser. Eine Monumentalkulisse, in der kein Haus steht, kein Auto fährt. „Nichts erinnert daran, dass dort überhaupt menschliches Leben existiert“, findet der Rostocker Heinz Hillmann.
Der erste Eisberg provoziert Euphorieausbrüche. Er schimmert in kaltem Himmelblau. Auf seinem zackigen Grat erkennt man Monster, eine Krone, ein Gespenst. Vom windigen Bildhauer ins Eis geschmirgelt. Elektrisierend geradezu die Brückendurchsage von Kapitän Thilo Natke: „Wale an Steuerbord!“ Die „Könige der Meere“ grüßen die Neuankömmlinge majestätisch mit ihren Fluken. Als die rote Sonne nachts tiefer steht, lodern Himmel und Eis. Die schnee- und gletscherbedeckten Berge dampfen dazu. Grönland – Schönland. „Da fühlt man sich vor Glück ganz leicht“, strahlt Dr. Rolf Seiters, „besser als jeder Absacker“.
Auch wenn es immer wieder spät wird, hat die Zeit hier keine Bedeutung. Man möchte nicht schlafen in diesen Mittsommer-Nächten, die so recht keine sind. Als dann noch der Mond über die Gebirgszacken kriecht, wird die Observation-Lounge zu einem exklusiven Panorama-Kino mit Minuten voller Poesie. Für RTL-Kameramann Arne geradezu „filmreif“, wie er das Ereignis berufsbedingt auf den Punkt bringt.
Zu Besuch im „Land der Menschen“
Mehrmals rasselt der „Hanseatic“-Anker vor Siedlungen ins Wasser. Sie sind überraschend bunt. Die Verwaltung gibt sich rot, das Krankenhaus gelb, Holz-Wohnhäuser leuchten rosa, grün und blau, Plattenbauten regenbogenfarben. In den 1960er Jahren wurden Inuit aus kleineren Dörfern hierher umgesiedelt. Bis 1979 nämlich war die Insel eine dänische Provinz. Inzwischen haben es die Grönländer geschafft, ihre kulturelle Autonomie als Fischer und Jäger zu retten., Kajak und Schlittenhund inklusive. Der 15-jährige Berliner Gymnasiast und Kreuzfahrtfan Vincent, der mit seinen Eltern an Bord ist, fragt die dänische Lektorin Annie Leander Laszig, wie man es denn hier im Winter bei ständiger Polarnacht, Schneestürmen und über 30 Grad unter Null aushalten könne. „Alkoholismus und Depressionen waren bis dahin an der Tagesordnung“, erklärt sie, „und Selbstmorde, besonders unter den perspektivlosen Jugendlichen. Das ist weitgehend eingedämmt. Sie haben wieder gelernt, der Lebensfeindlichkeit zu trotzen. Ein Erfolg grönländischer Selbstverwaltung“. Heute klagen hier nur noch die neben vielen Häusern angeketteten Polarhunde, weil sie im Sommer als nutzlos gelten. Ihr Geheul – bellen können sie nicht - wird vom Wind über die Dörfer geweht.
Wir betreten Kalaallit Nunaat, das „Land der Menschen“, wie die Inuit ihr Land nennen. Seine Bewohner werden ungern „Eskimos“ genannt, was übersetzt „Rohfleischesser“ heißt. Inuit dagegen bedeutet einfach nur „Mensch“. Aus dem heutigen Kanada herübergekommen, besiedelten sie die Insel schon 3000 Jahre, bevor der Wikinger und Amerika-Entdecker Eric der Rote Grönland seinen Namen gab. Dichte Vegetation, sogar Fichten, stehen in dieser Gegend dafür Pate. Die „Hanseatic“-Fahrer wandeln über Schafweiden auf Erics Spuren in Quagssiaruk. Die Gebäude-Nachbildungen aus Torf, Gras und Holz bilden eine beliebte Fotokulisse. Archäologen legten einen Feldsteingrundriss der ersten Kirche frei. Die ertrotze, so sagt man hier, seine Frau, eine getaufte Christin, von ihm. Sie verließ das Ehebett und verweigerte sich dem heidnischen Haudegen so lange, bis er ihren Wunsch genehmigte.
Frühschoppen, Dollars und Pelz-Schock
Davon indes kommt nichts in der Predigt der Pastorin und Bordlektorin Annie vor. Ihre Sonntagsandacht in der kleinen, aber gerammelt vollen Holzkirche von Alluitsoq Paa steht ganz im Zeichen von Respekt vor Natur und Menschen, insbesondere der Inuit. Die allerdings mischen sich neugierig-freundlich unter die Besucher. Manch einer hat gleich ein paar Flaschen Bier mitgebracht. Fragende Blicke von allen Seiten, unterdrücktes Lachen: Wird das etwa ein Frühschoppen unterm Kreuz? Mit schräg gelegten Köpfen lauschen sie den Orgel-, Cello- und Gesangsklängen der „Hanseatic“-Gastmusiker Lydia Gorstein, Missa Kang und Guy Davis. So unbefangen wie die Erwachsenen sind auch die Kinder. Immer wieder müssen wir die kleinen braunen Händchen schütteln und ernten strahlendes Lächeln. Erst als jemand Dollarscheine bündelweise verteilt, kapieren sie: das lässt sich zu Geld machen. „Dollar, Dollar!“, fordern sie geschäftstüchtig. Die Geldscheine-Verteilerin gibt sich unwissend, als sie auf ihr schädliches Verhalten hingewiesen wird. Ebenso eine Dame. Sie meint ein „Schnäppchen“ gemacht zu haben mit ihrem Anorak aus Seehunds- und Polarfuchsfell. „Den habe ich von 14 000 auf 12 000 Euro ´runterhandelt“, zeigt sie das Teil stolz vor. Auch wenn die Zollvorschriften zum Schutz gefährdeter Arten ein klares Nein dazu sagen. Da fällt einem nur der Unterkiefer ´runter.
An Land wie an Bord
Die nächsten vierzehn Tage sind prall gefüllt mit Eindrücken: Eisberge, Fjorde, Gletscher, Wasserfälle und Wale bestaunen; Sturm, Seegang, Regen und Sonne erleben; individuelle oder geführte Tundra- und Bergwanderungen unternehmen und dabei ornithologische und botanische Beobachtungen anstellen; in warmen Quellen und hinterher – quasi zur Abkühlung - an einem Dünen-Sandstrand im kalten Meer mit Eisbergkulisse baden (auch der Kapitän!). Zauber der Extreme. In Sisimiut/Holsteinsborg kann man sogar einheimische Spezialitäten – einige mit gemischten Gefühlen - probieren. Auf der Speisekarte stehen Walfleisch, Seehund, Rentier, Moschusochse, Tiefseekrabben, Wildlachs, Polarbär, Wildfrüchte, um nur einige Angebote zu nennen. Alles Produkte aus der wilden, unberührten Natur.
MS „Hanseatic“ und Crew um Kapitän Thilo Natke und Kreuzfahrtdirektor Matthias Mayer zeigen aber auch immer wieder ihre unagefochtenen Fünf-Sterne-Qualitäten, die über ein normales Expeditionsschiff hinausgehen: angefangen beim exquisiten Essen aus der Küche von Chef Willi Leitgeb (der auch schon mal die von Passagieren selbst gesammelten Pilze zubereiten lässt); einem hochprofessionellen, aber stets präsenten und unaufdringlich-aufmerksamem Service; dem anspruchsvollen Unterhaltungsprogramm mit Klassik-Programm; den drei Lektoren mit ihren niveauvollen Vorträgen. In der reich bestückten Bibliothek samt Panoramablick kann man sie vertiefen. Sauna, Fitnessgeräte, Meerwasser- und Whirlpool sorgen für genügend physischen Ausgleich. Aber auch die Fahrräder für individuelle Ausflüge auf Island, den Färöern und Orkneys. Premierencharakter haben zwei Anlandungen: nie zuvor besucht von der „Hanseatic“. „Richtig abenteuerlich“, findet Vincent.
3100 Erlebnis- und Wohlfühl-Seemeilen zum Abschalten, Ausspannen und Auftanken in familiärer Atmosphäre bis nach Hamburg. Der von seiner Frau anfangs so gescholtene Ehemann hat inzwischen Oberwasser bekommen: „Siehste, ist doch alles gar nicht so, wie Du gedacht hast“. „Du hast ja Recht“, gibt sie knurrig zu, lächelt aber dann noch ganz zufrieden und versöhnlich.
Während der Seetage im Nordatlantik verschmilzt die Weite der See mit der Weite des Himmels. Wie auch Zeit und Raum. Man weiß nicht, wie lange man schon unterwegs ist. Da bleibt viel Platz für Gedanken. Was zurückbleibt hinter dem zerklüfteten und von der aufgehenden Sonne vergoldeten Kap Farwell, dem südlichsten Punkt Grönlands, ist eine ganz bestimmte Sehnsucht. Vielleicht das Arktis-Gefühl, angesiedelt zwischen Wiesengrün und blau-weißer Eisberg-Faszination, das einige hergetrieben hat. „Du siehst“, sinniert Walter Herzog, „die Schönheit dieser Natur und fühlst aber auch ihre Gewalt“.Viele sagen daher im Stillen „Farwell“. So heißt das dänische Wort für „Auf Wiedersehen!“
Dr. Peer Schmidt-Walther
Infos:
Die Reise führte von Kangerlussuaq/Södreströmfjord entlang der grönländischen Westküste (mit zweimaliger Überquerung des Polarkreises) nach Isarfjödur und Akureyri/Island, Kongshavn/Färöer Inseln, Kirkwall Orkney Inseln nach Hamburg.
Neu ist die Route an der ost- und west-grönländischen Küste entlang über Jan Mayen nach Tromsö (14.8.- 27.8.06).
Der Tagespreis liegt bei durchschnittlich 410 Euro pro Tag/Person, je nach Kabinenkategorie.
Weitere Informationen und Buchung über Hapag-Lloyd-Kreuzfahrten und entsprechende Reisebüros.
Das Schiff:
BRZ: 8378; Länge 122,80 m, Breite: 18 m, Tiefgang: 4,80 m; Werft: Finnyards/Rauma Repola, Finnland; Indienststellung: 23.3.1993; Hauptmaschine: 2 x 4000 PS MaK; Reisegeschwindigkeit: 16 Knoten; Passagierkapazität: 184; Crew: 125; Passagierdecks: 6; Flagge: Bahamas (am Bug weist die Hamburg-Gösch auf den Heimathafen hin); höchste Eisklasse für Passagierschiffe E 4 C6KA9; besonders fortschrittliche Entsorgungsanlagen (Müllverbrennung, biologisches Klärsystem); 14 Zodiac-Schlauchboote, 4 Barkassen (Tender) à 50 Plätze; Stabilisatoren; vollklimatisiert; Marco-Polo-Restaurant (eine Sitzung), Columbus-Lounge (Frühstücks- und Mittagsbüffet auch mit Außenplätzen), abends Ethno-Restaurant mit landestypischen Spezialitäten; Explorer-Lounge mit Bordkapelle/Unterhaltungsprogramm; Darwin-Hall mit Vortragsraum/Kino; Fitness-Raum, Sauna, Solarium, Whirlpool, Friseur, Hospital, Boutique, Bibliothek, Sonnendeck mit Swimmingpool (beheiztes Meerwasser), Wäscherei/Reinigung, Bordfernsehen (mit Satellitenempfang für mehrere deutsche Sender und umfangreicher Video-Auswahl); Leihfahrräder (gratis).
Jeder Gast bekommt zur Vorbereitung vorab ein Arktis-Handbuch für Polarfahrer, an Bord einen Reiseführer, Parka und Gummistiefel (leihweise) sowie einen Rucksack (Geschenk). E-mails können in der Kabine gesendet und empfangen werden (gratis). Insgesamt ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis.
Grönland kurz gefasst:
Mit einer Gesamtfläche von 2.175.600 qkm ist Grönland die größte Insel der Welt. Sie ist 1500 km breit und erstreckt sich mit einer Länge von 2670 km über 23 Breitengrade. Eisfrei ist sie nur an den Küsten, vor allem im Westen. Trotzdem entsprechen diese eisfreien Regionen der Fläche Italiens. Der weitaus größte Teil (85 %) ist jedoch mit einer rund 3,5 km dicken Eiskalotte, dem Inlandeis, bedeckt. Das Gestein gehört mit einem Alter von 3,8 Milliarden Jahren zu den ältesten Formationen der Erde. Geologisch gehört es zu Nordamerika. Die Eiskappe begann sich bei einer Abkühlung der Erde vor drei Milliarden Jahren zu bilden. Unter dem Eisdruck senkte sich das Zentrum Grönlands um 800 Meter und 300 Meter unter den Meeresspiegel. Unter ihrem eigenen Gewicht setzen sich die Massen aus Schnee und Eis in Bewegung und ziehen zu den Küsten. Dort kalben die Gletscher, und das Eis wird zu schwimmenden Eisbergen. Der Illulisat-Gletscher legt pro Tag 20 bis 30 Meter zurück – Weltrekord!
Grönland heißt eigentlich Grünland. Diesen Namen trägt die Insel seit ihrer Besiedlung durch Erik den Roten während des Klimaoptimums im 10. Jahrhundert. In dieser Zeit herrschte ein eher mildes Klima, so dass das Packeis nicht so weit in den Süden vordrang. Das erleichterte die Besiedlung durch rund 5000 Wikinger über das Meer. Erik beschrieb die feindliche, aber begehrte Region als „Paradies“, auch um weitere Menschen anzulocken.
Ein Fünftel der heutigen 58 000 Inselbewohner wurde meist in Dänemark geboren. Die heutigen Inuit sind freiheitsbewusst und ihren alten Traditionen weitgehend treu geblieben. Auch wenn heute überall modernste Technik Einzug gehalten haben.