Hast du dir eigentlich schon mal ernsthaft Gedanken gemacht, was auf einem Kreuzfahrt-schiff so „unter der Gürtellinie“, sprich „im Keller“ los ist? Sicher nicht, denn in erster Linie ist ja Urlaub angesagt. Da kommst du zum Beispiel an Bord der „Astor“, bist froh gelaunt und erwartest natürlich, dass alles reibungslos klappt, oder?
Da Passagiere nur in Ausnahmefällen die Chance haben, in den „Keller“, also den Maschinenraum, zu steigen, möchten wir hier ein paar Hintergründe erhellen.
Du wirst sehen, lieber Passagier, dass, s o informiert, manches an Bord in einem ganz anderen Licht erscheint.
Also, am Anfang sind da erst mal 850 Schiffsbewohner (530 Passagiere und 300 Besat-zungsmitglieder). Die wollen rund um die Uhr bei jedem Wetter, auf See oder im Hafen, ver-sorgt sein (steht ihnen ja auch zu, ohne Frage). Dass diese Versorgung, hier in erster Linie technisch betrachtet, auf 176 Metern Länge, 23 Metern Breite bei 6,10 Metern Tiefgang „etwas anders“ abläuft als an Land, ist wohl einzusehen, auch wenn man/frau von Technik keine Ahnung hat. Macht nichts, hier soll ‘s halbwegs plausibel erklärt werden.
Stell dir den Betrieb eines Stadtwerkes vor, von dem wir zunächst mal unseren Strom „aus der Steckdose“ beziehen. Auf der „Astor“ rotiert allein dafür ein 4.100-PS-Generator. Das würde glatt für 250 Einfamilienhäuser ausreichen – unglaublich!
Bei feucht-heißer Tropenluft verlangt ‘s dich natürlich auch nach äußerer Kühlung (für die Innere ist die Bar zuständig). D e r Job für einen 1.200-kW-Generator, der damit locker 5.000 große Kühlschränke erstarren lassen könnte.
Unterm Strich betrachtet, leisten die Generatoren – sie werden über Wellen durch die Hauptmaschine angetrieben, wie ein Dynamo also – 9.000 kW oder satte 12.350 PS. Das ist auf diesem Gebiet noch längst nicht alles.
Zwei Diesel versorgen alle elektrischen Verbraucher vom Fön bis zur Radaranlage, und ein Notstromaggregat steht für den „Fall der Fälle“ parat, falls mal nichts mehr geht (kaum anzu-nehmen).
Du kennst sicher den 60er-Jahre-Schlager „Wasser ist zum Waschen da ...“ oder so ähnlich. Ein lebenswichtiges Thema. Wieviele Schiffbrüchige (daran denken wir erst gar nicht!) sind nicht schon auf See, umgeben von einem Meer aus Wasser, verdurstet?! Also muss Frischwasser her, Betonung auf „Frisch-“.
Sage und schreibe 200.000 bis 300.000 Liter täglich verkonsumieren die Zeit- und Dauerbewohner unserer „schwimmenden kleinen Stadt“, genannt MS „Astor“. Solche Mengen können nicht ständig frisch mitgeführt, gleichwohl hergestellt werden. Richtig gelesen: eine Seewasser-Verdampfungsanlage nimmt es daher, wo es reichlich vorhanden ist, klar, erhitzt es, trennt die salzigen Bestandteile heraus und verdampft das ganze. Nach Abkühlung ergibt es das beste Trinkwasser. So manche Landgemeinde würde die „Astor“-Wasserkünstler um Anlage und Qualität beneiden.
Auch das ist klar (hinterher): Wo Wasser verbraucht wird, fließt auch Abwasser durch „dunk-le Kanäle“. Wehe, es wird ins Meer gepumpt! Umweltschutz wird auf der „Astor“ groß geschrieben. Das Modernste ist hier gerade gut: eine dreistufige (mechanische, biologische, chemische) Aufbereitungsanlage. Das Restprodukt Wasser kann bedenkenlos ins Meer geleitet werden. Die Feststoffe werden verbrannt.
Noch ein „schmutziges“ Thema: Müll. Wohin damit? Natürlich in eine Pyrolyse-Anlage, die den Abfall der 800-Seelen-Bordgemeinde problemlos und umweltfreundlich vergast. Am En-de der Reise wird jedenfalls kein stinkender Müllberg an Land gegeben.
Schmierig wird ‘s gar bei ölhaltigen Rückständen, die in Tanks gesammelt werden. Für den preiswerten Betrieb des Hafenkessels taugen sie noch allemal. Was tatsächlich nicht mehr aufbereitet werden kann, wird ordnungsgemäß, wie es sich gehört, im nächsten Hafen abgegeben.
Sicher meinst du auch, dass die heißen Dieselschwaden ungenutzt in die Luft gepustet werden. Bloß das nicht! Da geht ‘s immerhin um eine Wärmemenge, die 5.000 kW entspricht und von 370 Einfamilienhäusern genutzt werden könnte, um im Bild zu bleiben. Was machen die Experten an Bord? Sie führen diese Energie der Maschine wieder zu und erhöhen dadurch ihren Gesamtwirkungsgrad um ein sattes Drittel. Wenn das nichts ist!
Ein Teil wird auch zur Erwärmung des zähflüssigen Schweröl-Brennstoffs ausgenutzt, der erst über 45 Grad Celsius pumpfähig ist.
Von diesem schwarzen Stoff schlucken die vier Dieselmotoren der „Astor“ (Gesamtleistung: 21.000 PS) täglich 72.000 Liter. Das ist die Ladung von zwei Großtankwagen. Hochgerechnet auf ‘s Jahr sind das 11 Millionen Liter. Apropos rechnen und Häuser: 7.300 Einfamilienhäu-ser könnten damit ein Jahr geheizt werden. Nicht schlecht, was? Anders ausgedrückt, sofern du dir das überhaupt vorstellen kannst: ein Diesel-PKW könnte damit von der Erde zur Sonne düsen.
Was wäre dieses technische Leistungsspektrum ohne regelmäßige Überprüfung auf Funktionssicherheit, einschließlich aller Navigationsanlagen. Der Germanische Lloyd (GL), so etwas wie ein TÜV für Schiffe, sorgt regelmäßig dafür, und zwar mit peinlichster Genauigkeit und Strenge.
Sollte dein Wissensdurst noch immer nicht gestillt sein, frag bei deiner nächsten Reise einfach mal den Direktor der „Astor“-Stadtwerke, den Leitenden oder Chief-Ingenieur. Vielleicht hast du ja dann die Chance, als Interessierter einmal das „Herz“ des Liners zu inspizieren. Nur Mut, lieber Schiffstechnik-Freak!
Peer Schmidt-Walther
Angebote für Kreuzfahrten mit der Astor: Kreuzfahrten Astor