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Frachterreisen richtig erleben
Geschrieben am Thursday, 23.February. @ 07:10:00 CET von redaktion

Kreuzfahrt allgemein Ein paar gut gemeinte Tipps für individuelle Seefahrt
Auf einem Frachter als Passagier mitfahren – geht denn das überhaupt? Wir sagen ja. Wenn man in den Prospekten von Reedereien und Veranstaltern blättert, stellt man erstaunt fest, wie groß doch die Auswahl an Zielen und Schiffen ist. Und die Gemeinde der Frachterreise-Fans wächst. Warum? Sie fragen, wir antworten.

Fahren Frachter eigentlich nach einem festen Fahrplan?
Im Prinzip ja. Aber man sollte generell etwas mehr Zeit und Flexibilität mitbringen als für genau terminierte Kreuzfahrten. Trotz nahezu fahrplanmäßiger Containerschifffahrt richtet sich alles nach der Ladung. Manchmal spielen auch Wetter und Gezeiten noch eine gewisse Rolle. Dafür entfallen stressige Massenabfertigungen.

Beim Fliegen hat man oft das Problem mit dem Jet-lag.  Wie ist das auf See?
Kein Problem. Seinem Ziel nähert man sich geruhsam im 15- bis 20-Knoten-Tempo oder auch mehr. Größeren Klima- und Zeitzonenveränderungen passt sich der Frachterfahrer allmählich an, ohne physisch darunter leiden zu müssen. Bei Nord-, Ostsee- oder Mittelmeerfahrten entfällt das natürlich. Wer zum Beispiel in sieben Tagen über den Atlantik fährt, kann an sechs Tagen je eine Stunde länger schlafen. Der Frachter ist auch eine gute Alternative für Menschen, die unter Flugangst leiden.

Wie ist das mit dem Landgang  in den Häfen?
Sehr unterschiedlich. Selten hat man ein paar Tage Zeit. Doch selbst, wenn es nur Stunden sind, lässt sich über den Reederei-Agenten ein Landausflug organisieren. Oder man geht auf eigene Faust los. Abenteuerliche Erlebnisse ganz eigener Art inbegriffen.

Ich interessiere mich für die Technik an Bord. Gibt es da Beschränkungen?
Eigentlich nicht. Die Kommandoleitstellen an Bord, also Brücke und Maschinenraum, stehen dem Passagier jederzeit offen. Nur wenn es für die Crew stressig wird, also bei der Ansteuerung von Häfen, sollte man den Offizieren nicht im weg stehen oder sie mit Fragen löchern. Für sie ist das Manövrieren harte Arbeit. Hinterher hat man mehr Zeit dazu. Wer nicht gerade kontaktarm ist, dürfte da alles aus erster Hand beantwortet bekommen. Seeleute sind oft monatelang nur auf sich selber gestellt, da sind sie froh über jede Abwechslung. Und man wird, sofern man sich nicht aufdrängt, spüren, dass sie ein Redebedürfnis haben. Da kann man so manche Geschichte aus dem Leben hören, aber auch selbst welche erleben.

Geht es bei aller Technik auch ein bisschen romantisch oder abenteuerlich zu?
Hier eine Kostprobe, erlebt im Juni 2005, von einem Transatlantik-Törn mit dem Containerfrachter-Neubau MS „Flottbek“. Er wurde er auf der „Traumschiff-Fabrik“ von Meyer in Papenburg gebaut:
Schläge wie von einer Riesenfaust seit sechs Uhr morgens. „Es hat aufgebrist“, informiert Chief mate Groß, „aber bald sind wir ja im Loch“. Damit meint er die Zufahrt zum Sankt-Lorenz-Golf. Schräg von vorn laufen mehrere Meter hohe Wellenberge auf die "Flottbek" zu. Die schüttelt sich nur unwillig, legt sich etwas nach Backbord über und läuft ansonsten ungebremst weiter. Auch wenn Gischtkaskaden am Steven explodieren und den 16.000-Tonner  verhüllen. „Selbst acht Windstärken so wie jetzt“, ist Kapitän Miller stolz auf sein 170 Meter langes Schiff, „können den Dampfer nicht aus der Ruhe bringen. Der liegt gut“. Die große Containerfläche wirkt wie ein stabilisierendes Segel.
Bei Belle Isle passiert „Flottbek“, pünktlich wie berechnet, um neun Uhr die gleichnamige Meeresstraße zwischen Neufundlund im Süden und Labrador im Norden.

Der westlichste Vorposten Nordamerikas und Kanadas. Schneeflecken sprenkeln die kahle Tundra-Insel mit den steilen Felsklippen. Auf dem höchsten Berg thront einsam ein Leuchtturm. In einigen Buchten sind Eisberge gestrandet, vor denen in der Nacht zuvor noch gewarnt wurde. Buckelwale und ganze Rudel schwarz-weißer Orcas blasen Fontänen in die Luft. Spielerisch katapultieren sie sich in die Höhe, klatschen zurück ins Wasser, winken mit Fluken und Schwanzflossen. Wie zu unserer Begrüßung. Schwarz-weiß gefiederte Basstölpel bilden den „Begleitschutz“. Ein sonniger Bilderbuch-Sonntag in der sommerlichen Arktis. Ihr zarter Grünschleier tut den Augen gut. Whale-watching gibt es gratis dazu.


Allmählich wandelt sich die Wasserfarbe: von Atlantik-Türkis in Fluss-Grün. Berge und Wälder rücken immer näher und säumen den spiegelglatten Sankt-Lorenz-Strom. Seine felsigen Ufer sind nur dünn besiedelt. Das Schiff liegt so ruhig, dass man meint, schon an der Pier zu sein, wäre da nicht das monotone Wummern des Diesels. Mit dessen Leistung ist der Chief zufrieden. Das wiederum freut den Kapitän, der mit einem früheren Einlauftermin rechnen kann. Auch der Strom schiebt mit. MS „Flottbek“ jagt mit 20 Knoten dahin. Die untergehende Sonne vergoldet Wasser und Land.
Um Mitternacht wird die moderne wie historische Hauptstadt Quebec passiert. Ihre Lichterflut spiegelt sich eitel im Strom. Kontrastprogramm auch am nächsten Morgen: weiße (Fluss-)Kühe neben der Fahrrinne im Wasser. „Das glaubt dir keiner!“, lacht Chief mate Groß, „dass die sich bei 28 Grad abkühlen müssen“. Im Winter herrsche hier knackiger Frost mit bis zu minus 35 Grad, wirft der Lotse ein. Ein Land voller Extreme.

Was wird auf einem Frachter alles so geboten?
Verzichten muss man auf mehrgängige Sterne-Menüs, ebenso auf ständigen Service. Einmal die Woche säubert der Steward die Kabine und wechselt Bettwäsche und Handtücher. Auf Schwimmbad, Fitness-Raum, Sauna, Liegestühle, Bibliothek, Bar, Aufenthaltsraum oder Fernseher/HiFi-Anlage/CD-Player muss man an Bord vieler größerer Frachter heute genauso wenig verzichten wie auf das Captains dinner. Letzteres, wie auch alle anderen Mahlzeiten, bekommt man täglich in der Offiziersmesse – selbstverständlich ohne Schlips und Kragen.
A  propos: Man braucht nur kleines Gepäck, weil es Waschmaschinen und Trockner gibt.
Die Doppel- oder Einzelkabinen sind meistens geräumig und bieten den modernen Komfort eines Hotelzimmers an Land.

Welche Tipps könnten noch wichtig sein?
Auf einem Frachter haben Ladung und Arbeitsabläufe Priorität. Mit ausgefallenen Sonderwünschen sollte man sich möglichst zurückhalten und die allgemeine Hilfsbereitschaft nicht unnötig strapazieren. Das bedeutet auch, dass man sich selbst beschäftigen kann.
Offene Türen signalisieren übrigens, dass man willkommen ist, geschlossene: Man möchte seine Ruhe haben.
Essenszeiten – mit gewisser „Gleitzeit“ – sollten im Interesse der Arbeit von Koch und Steward eingehalten werden.
Auf jeden Fall sollte man für eine Frachterreise einen zeitlichen Spielraum einkalkulieren und daher engen Kontakt zum Reisevermittler/zur Reederei halten.

Wie immer zum Schluss die Frage: Was kostet der Spaß?
Für die in Auszügen oben beschriebene 21-Tage-Rundreise (Antwerpen-Montreal-Liverpool-Antwerpen) muss man  pro Person 2235 Euro, inklusive Versicherungen hinblättern; Einwegpassagen (1088 Euro) sind allerdings auch möglich. Dabei kann man Fahr- und Motorräder gratis mitnehmen. Übrigens eine schöne Anregung für eine Kanada-USA-Rundreise. Die PKW-Verladung  in einen Container kostet etwa 500 Euro. Getränke und Zigaretten sind an Bord meistens sehr preiswert.


Wo kann man Frachterreisen buchen?:
• Beluga Shipping GmbH, Schlachte 22, 28195 Bremen; Tel.: 0421-1606025; Fax: 0421-1606040; für Passagiere steht nur MS „Werder Bremen“/Ostsee-Fahrt zur Verfügung; beluga@belugashipping.de
• Frachtschiff-Reisen-Zentrum, Hamburg-Süd Reiseagentur, Ost-West-Str. 59, 20457 Hamburg; Tel.: 040-37052593; Fax: 040-37052420; kronai@ham.hamburg-sued.com
• Internationale Frachtschiffreisen, Dipl.-Kfm. Werner Pfeiffer, Friedrich-Storck-Weg 18a, 42107 Wuppertal; Tel.: 0202-452379; Fax: 0202-453909; mail@frachtschiffreisen-pfeiffer.de
• Fachagentur für Frachtschiffreisen, Kapitän Helmut Hoffmann, Seestraße 40, 23677 Scharbeutz; Tel.: 04503-73675; Fax: 04503-74437
• Frachtschiff-Touristik Kapitän Zylmann GmbH, Exhöft 12, 24404 Maasholm; Tel.: 04642-96550; zylmann.de
• Horn-Linie, Sabine Güttel, Süderstraße 75, 20097 Hamburg; Tel.: 040-23677-111; Fax: 040-23677-265; sguettel@hornlinie.com
• F. LAEISZ Schiffahrtsges. M.b.H. + Co, Frau A. Bartsch, Trostbrücke 1, 20457 Hamburg; Tel.: 040-36808248; Fax: 040-364876; bartsch@laeiszline.de
• NEPTUNIA-Schiffahrts-GmbH, Bodenseestraße 3, 81241 München; Tel.: 089-89607367; Fax: 089-89664737; paxe@neptunia.de
• NSB Reisebüro GmbH, Frachtschifftouristik, Violenstraße 22, 28195 Bremen; Tel.: 0421-3388020; Fax: 0421-3388090; hueneke@nsb-reisebuero.de
• Reederei Rudolf Schepers, Hermann-Ehlers-Straße 5 b, 26160 Bad Zwischenahn/Ofen; Tel.: 0441-4081033; info@reederei-schepers.de

Der Autor, Dr. Peer Schmidt-Walther,
 weiß, wovon er spricht. Er  ist nicht nur zur See gefahren – sowohl in der Binnen-, als auch in der Hochseeschifffahrt sowie bei der Marine - , sondern auch studierter Schifffahrts- und Reisejournalist sowie promovierter Geograf.
Über Frachter-Reisen hat er ein Buch geschrieben (ISBN: 3-934301-82-7).
 Neben seinen Reisen unterrichtet er auch als Dozent Seetouristik an der Stralsunder Fachhochschule und ist Pressesprecher der „Gorch Fock“ (I).

 


Dr. Peer Schmidt-Walther: ABENTEUER FRACHTER;
212 Seiten, 219 Fotos;  Format 21 x 21; gebunden (Hardcover) mit Schutzumschlag: 24.80 €; Scheunen-Verlag, 18317 Kückenshagen
ISBN: 3-934301-82-7



 
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