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Transatlantik-Fieber oder: Der Weg ist das Ziel
Geschrieben am Friday, 10.February. @ 23:12:18 CET von redaktion

Sea Cloud II

Mit der größten Bark der Welt auf Kolumbus Spuren  - „We are sailing...“ – möchte man begeistert  lossingen, als die „Sea Cloud II“ ablegt. Die Begrüßungsworte von Kreuzfahrtdirektorin Trixi Lange-Hitzbleck sind verweht, das Typhon dröhnt zum Abschied dreimal lang und sein satter Ton kriecht einem unter die Haut. Der mächtige Dreimaster mit der Hamburg-Gösch auf der Klüverbaumspitze steckt seine lange Nase in die abendlich schwarze See. Las Palmas, wo die luxuriöse Bark 2001 von Sabine Christiansen getauft wurde, bleibt achteraus - bis das Lichtermeer zu einem dünnen Lavastrom zerfließt. So fangen reale Träume an.



Am nächsten Morgen, querab La Gomera. „Enter auf!“ Wieselflink klettern die blauen Jungs der internationalen Deckscrew über die Wanten auf die Rahen in bis zu 54 Meter Höhe.  „Hier passiert nichts auf Knopfdruck“, erklärt der Stralsunder Steuermann Stefan Räbisch, „das traditionelle Rigg bedienen nur 15 Mann, einschließlich der Offiziere“. Nach echter Segelschiffsart von Hand. So ein nostalgisches Erlebnis lässt sich niemand entgehen. „Beinahe hätte ich´s verschlafen“, fährt sich Ex-Mariner Ludwig Schafhausen  durch die wirren Haare und macht seine Kamera schussbereit.
Schon nach einen dreiviertel Stunde wölbt sich der weiße Dom aus 24 Segeln über unseren Köpfen. Ohne lautstarke Kommandos wie auf manchen Schulschiffen. Jeder Seemann kennt seine Aufgaben genau. Bald wiegt sich der 117 Meter lange 3849-BRZ-Windjammer wohlig im tiefen Blau der sanften Atlantikdünung, die an der Bordwand schmatzt und gluckst. Irgendwo knarzt segelschiffstypisch Holz. „Das gehört dazu“, findet Renate Heimke, „dabei kann ich herrlich einschlafen“. Die mehrfache „Wiederholungstäterin“ hat, wie sie sagt, „noch wochenlang nach jedem Törn den Atlantik in der Seele“.


Ohne es zu wissen, nutzte bereits Kolumbus bei seiner ersten Atlantiküberquerung die vorherrschenden Strömungen und Windrichtungen der Region. Am 5. September 1492 schrieb er in sein Logbuch: „Die Schiffe sind beladen, alles ist fertig zur Reise. Heute Nacht wird ein Dankesmahl gereicht, und beim Sonnenaufgang lichten wir den Anker und segeln nach Westen“. „Sea Cloud II“ hingegen startet 512 Jahre später schon nach Sonnenuntergang, aber mit einem opulenten Essen. Später serviert Chefkoch Clemens Stiefvater auch schon mal Senfeier oder Kartoffelsalat und Würstchen – auf Passagierswunsch.
Wir starten in ein komfortables Abenteuer unter fünf Sternen. Anders die Crews auf ihren 400 Booten im gegenüber liegenden Yachthafen. Sie lauern auf den Startschuss zur Transatlantik-Regatta. Die wird abenteuerlich auf andere Art und knochenhart sein.

Kindheitstraum erfüllt
2800 Quadratmeter Segeltuch bläht der Nordost-Passat. Sachte treibt er das Schiff mit fünf bis sechs Knoten nach Südwesten. Gegen Abend schläft er manchmal ein, so dass die beiden 1240-kW-Maschinen als „Flautenschieber“ nachhelfen müssen. So gut hatte es Kolumbus nicht, als er am 7. September schrieb: „Den ganzen Tag und die ganze Nacht hatten wir keinen Wind“. „Insgesamt aber herrschen hier zwischen dem 10. Und 30. Breitengrad schon ideale Bedingungen“, meint Kapitän Evgeny Nemerzhitskiy aus dem estnischen Tallinn. Er führte auch schon die russische Viermastbark „Kruzenshtern“, die bis 1945 „Padua“ hieß. „Ein himmelweiter Unterschied zur ´Sea Cloud II`, meint Nmerzhitskiy, „hier messingspoliertes Edelholz-Ambiente, dort ein karges Arbeits- und Ausbildungsschiff“. Beide allerdings mit modernster Sicherheits-, Navigations- und Kommunikationstechnik.


Nur noch schemenhaft in seemeilenweiter Ferne El Hierro, die westlichste der Kanarischen Inseln. Als das letzte Handy verstummt und der Leuchtturm im Kielwasser blitzt, wissen wir: Ab jetzt geht es immer nur geradeaus – stolze 2694 Seemeilen! Allein der Wind hat das Sagen. „Ein Kindheitstraum, den ich mir jetzt erfüllen kann“, freut sich nicht nur Ludwig Schafhausen.
Kolumbus notierte dazu andere Beobachtungen: „An diesem Tag haben wir endgültig das Land aus der Sicht verloren, und viele Männer seufzten und jammerten vor Angst, dass sie es lange Zeit nicht wiedersehen würden...Ich bin der Einzige, der deswegen jubeln möchte“. Ihm ging es schon damals so wie den Passagieren von heute. Für sie steht das Segel- und Seefahrtserlebnis im Mittelpunkt – losgelöst von Zeit und Raum.

Von wegen Langeweile
Die 41 „mutigen“ Transatlantikfahrer der Neuzeit hingegen können, anders als ihre historischen Kollegen, sicher sein, nach 14 Tagen wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Nach dem Motto: bis zum Horizont und darüber hinaus. „Alle haben zwar Barbados als Zielhafen gebucht“, prägt Passagier Manfred d e n Spruch der Reise, „aber keiner will schnell hin“. „Wer heute eher als wir Nautiker ´Land in Sicht!` melden kann“, scherzt Stefan Räbisch in seiner Mittagsdurchsage von der Brücke, „der bekommt eine Flasche Champagner“. Doch die „Sea Cloud II“- Passagiere haben sich schon längst auf den täglichen 360-Grad-Blick in die tiefblaue Unendlichkeit eingestellt. Sie wollen in Ruhe genießen. Schauspielerin Gudrun Landgrebe und ihr Mann können sich nach stressigen Monaten nichts Erholsameres vorstellen.


Langweilig? Von wegen, denn das Leben auf See ist bunt. Nach dem Motto: voll beschäftigt mit dem Nichtstun. Kurz erhaschen auch die Hörer des NDR-Hafenkonzerts ein paar Sätze von Trixi Lange-Hitzbleck darüber. An Land managt sie die Öffentlichkeitsarbeit für den Hamburger Traditionssegler „Rickmer Rickmers“. Der jedoch liegt still, während hier alles life ist wie zum Beispiel die immer wieder faszinierenden Segelmanöver, vom Kapitän anfangs sogar selbst erklärt. Oder der einzigartige Zodiac-Ritt auf drei Meter hoher Atlantik-Dünung: Foto-shooting für die wie eine Feder unter Vollzeug dahin gleitende „Sea Cloud II“.

Die den Passatwind suchen
Besonders kribbelnd das wannenwarme Spaß-Bad im offenen Ozean bei 5400 Metern tintenblauer Tiefe. Wie auch die turbulente Atlantik-Taufe durch Neptun und Thetis. Dargestellt von Passagier Stevie Tarach und seiner Frau Kerstin.
Auch Offiziersdienstgrade müssen die feuchte und übel riechende Prozedur über sich ergehen lassen. In der Mitte zwischen Afrika und Südamerika. Wenig später eine konzertierte Aktion der kollektiven Begeisterung: 40 mal fliegt Post in Flaschen über die Reling – und Hoffnungen auf Finder irgendwo hinter dem Horizont.


Auch Columbus fühlte sich anscheinend wohl, als er schrieb: „Der Himmel ist strahlend blau wie der Frühlingshimmel über Andalusien. Dazu diese wohltuende Wärme!“
Die Begegnungen mit Walen sorgt jedes Mal für Aufregung. Auch die mit der dümpelnden „Sindbad“, einem irischen Zweimaster. Plötzlich hisst er die schwarze Piratenflagge mit weißem Totenkopf. Allerdings in friedlicher Absicht, wie das freundliche Winken der Crew zeigt. Was den Kapitän bewegt, hören wir über Funk: „Sucht ihr auch den Passatwind?“ Steuermann Stefan dreht einen Vollkreis um den alten Segellogger und verabschiedet sich mit drei Mal dröhnendem Typhon. Schnell bleibt der Kleine zurück in der endlosen Weite. Einem anderen Segler ist der Diesel-Sprit ausgegangen. Nach neun Tagen Flaute kommt endlich Rettung: die „Sea Cloud II“. In ihren Masten hängen blinde Passagiere: Fledermäuse auf „Urlaubsreise“ in die karibische Sonne.
Auf der rund um die Uhr offenen Brücke kann man den Steuerleuten Löcher in den Bauch fragen oder sich über Navigation oder Astronomie unterhalten.  Bord-Künstlerin Prof. Ulla Schmidt-Pesch führt in die Malerei ein und entdeckt versteckte Talente. Das beweist die Abschluss-Vernissage auf hoher See. Für maritime Geschichte, Geschichten und Bilder sorgt Lektor Dr. Constantin Elfe. Der bekennende Großsegler-Fan aus Berlin ist vorbelastet, fuhr doch sein Vater auf der „Gorch Fock“ (I). Wie 1993 auch Großmast-Vormann Nikolai. Damals hieß sie noch „Tovarishch“ und brachte ihn als Kadetten und den Autor  als Marine-Verbindungsoffizier von der Hanse-Sail nach Stralsund. Das erste Mal seit Kriegsende, dass die legendäre Bark Kurs auf ihren alten Heimathafen nahm. Auf „Sea Cloud II“ sieht man sich nach elf Jahren wieder. Kleine Welt der Großsegler.
Irgendwie verwundert stellen alle fest, dass man sich hier Seemeile um Seemeile näher kommt. Bis schließlich eine familiär-verschworene Seefahrer-Gemeinschaft entstanden ist. 

Transatlantik-Motive
Was treibt diese „modernen Entdecker“ im November 2004 dazu, auf einem Windjammer im Fahrwasser großer Traditionen – ohne einen einzigen Unterwegshafen, nur umgeben von Wasserwüste - aus der Alten in die Neue Welt zu segeln?
Vielfältig wie die Menschen an Bord sind ihre Antworten: „Ringsherum ist nichts, aber das ist schön!“ „Endlich Zeit haben und die Langsamkeit genießen“. „Sich einlullen lassen und alles vergessen“. „Stimmungsbilder der See, die mich ergreifen und die ich genieße“. „Unter Großsegeln – ein altes Schauspiel in neuen Dimensionen“. „Segeln, leben und genießen.“ „Du kannst hier super gut abschalten und allen Ballast an Land lassen“. „Kein typisches Kreuzfahrtleben mit Schicki-Micki und Abendprogramm“. „Segeln macht gleichgültig gegenüber der Zeit, verjüngt dich und weckt Glücksgefühle“. „So was willst du immer mal erlebt haben. Ich hab´ 50 Jahre dazu gebraucht“. „Zur See fahren wie früher mit dem Komfort von heute“. Stevie spricht aus, was alle denken: „Das Einzige, was hier keinen Spaß macht, ist der Gedanke an den Rückflug“.
Kolumbus vermerkt: „Alles deutet darauf hin, dass wir auf Land zusteuern“, und eine Woche später: „Es gibt hier so viele Inseln, dass man sie nicht zählen kann“. Kapitän Nemerzhitskiy überrascht seine Passagiere mit einem Stoppover in der grünen Bucht von Bequia. Landgang mit echten Seebeinen zum Baden an einem Traumstrand unter Palmen. An so etwas verschwendete der Entdecker Westindiens einst keinen Gedanken. Und erst recht nicht daran, nach 14 Seetagen schon Urlaub auf Barbados machen zu wollen, wie die meisten der „Sea Cloud II“-Fahrer. Für sie ist das Transatlantik-Crossing auch ein - zumindest ungewöhnlicher - Weg, um der winterlichen Tristesse in Europa zu entkommen.
                  Peer Schmidt-Walther

Carola Krautz fasste ihre Transatlantik-Eindrücke und -Gefühle in diesem Gedicht zusammen:

SEEREISE

Meilenweit seewärts
dem Licht engegen –
strahlendes Blau im Spiegel der See.
Wolkenverhangenes, buntes Grau:
Bewegung am Himmel: Leben.

Die Wolken umspielen schneeweiße Planken,
von liebkosenden Winden durchweht.
Auf ihren Häuptern tanzen Strahlen
kräftige Winde Schatten malen
und immer ein Tag zur Nacht vergeht.


Die Dunkelheit durcheilt ein Glanz,
der langsam ermattend verglimmt.
Nach festlichem Dinner, dem Weine und Tanz
in sorglose Ruhe und Träume versinkt.

Stille –
Ein einsames Licht auf der Brücke
die Technik den Kurs kontrolliert –
lautlos – bewacht allen Schlaf.
Noch Zeit – Morgengrauen weit – dann,
lichter Tag, der wieder –
alle Sinne verführt.


Technische Daten „SEA CLOUD II“

Gebaut 2001 auf der spanischen Werft Astilleros Gondan Figueras in Asturias; 3849 BRZ; 117 m Länge; 16 m Breite; 5,70 m Tiefgang (max.); Gesamtsegelfläche. 2.758 qm; Anzahl Segel: 24; Höhe Großmast über Deck: 51 m; Hauptmaschine: 2 x MaK je 1240 kW; Generatoren: 2 x Mitsubishi, je 550 kW; Geschwindigkeit: 14 kn (max.); Reisereichweite unter Motor: 7.800 sm; Kabinen: 48; Passagiere: 98 (max.); Besatzung: ca. 57; Flagge: Malta (Heimathafen: La Valletta)


 



 
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