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ERNA kam in der Schleuse
Geschrieben am Tuesday, 08.November. @ 11:00:00 CET von redaktion

Kreuzfahrt allgemein

Ohrwurm-Weltpremiere auf dem zweitgrößten europäischen Strom. Am 23. September 2005 lag das Flusskreuzfahrtschiff „Swiss Crystal“ auslaufbereit in Passau. Zu einer 4400 Kilometer-Reise auf der Donau. Durch sieben Länder bis hinunter ins Delta. Mit dabei: Gesine und Wolfgang Lippert von der Insel Rügen.



„Hallo, Lippi!“, schallte es mehrstimmig durch die 300 Meter lange Schleuse des Eisernen Tores. Überraschung: Selbst in den Schluchten des Balkans, an der engsten Stelle des Riesenflusses, wurde der bekannte Entertainer von seinen Fans erkannt und lautstark von Schiff zu Schiff begrüßt. Wie auch in Wien, Belgrad und Bratislava. Immer wieder gab es freudige Begegnungen. So auch in Budapest. Die Marktfrau, bei der Gesine Lippert Paprika-Salami einkaufte. „Das kann doch nicht wahr sein!“, fiel sie aus allen Wolken und ließ sich ein Autogramm geben. In der Fußgängerzone blieben Passanten stehen und bekamen ihren Mund nicht mehr zu. Den rund 100 Passagieren an Bord der „Swiss Crystal“ erging es nicht anders, als „Lippi“ völlig unerwartet an der Gangway auftauchte.
Sein Namenszug zierte später auch das Gipsbein des Stralsunder Schifffahrts- und Reisejournalisten Dr. Peer Schmidt-Walther. Die beiden befreundeten Ehepaare wollten eigentlich nur gemeinsam eine erholsame Flussreise erleben. Doch es kam anders, frei nach dem Motto: kleine Ursache, große Wirkung. Plantours-Kreuzfahrtdirektor Walter Hiller überschrieb wie dazu passend das Tagesprogramm: „Eile ist die Mutter der Unvollkommenheit“.

Eiltempo mit Folgen
Während die Vier noch gemütlich beim Capuccino auf dem Passauer Domplatz saßen, bimmelte plötzlich das Handy. Am anderen Ende meldete sich Johann Magner. Der Kapitän aus Bittkau bei Magdeburg, sonst mit der „Saxonia“ zwischen Elbe und Rügen unterwegs, drängte zum Ablegen: „Wenn wir vor den vielen anderen Schiffen die erste Schleuse schaffen, sparen wir ´ne Menge Zeit“. Im Eiltempo ging es zur Anlegestelle. Die Gangway war schon halb eingezogen. Schmidt-Walther sprang drauf und knickte um. Seinem Aufschrei folgte ein stechender Schmerz. Der rechte Fuß schwoll bedrohlich an. Schiffsarzt Dr. Ulrich Sauter erfasste treffend die Situation: „Ein starker Auftritt!“ und diagnostizierte vorsichtig eine Verstauchung. Eisbeutel aus der Bar sollten Linderung verschaffen.


Drei Tage später in Budapest: keine Besserung in Sicht, im Gegenteil. Auch Bandage und Stützstrumpf nützen nichts. „Ab ins Krankenhaus!“, verordnete der Doc dem „jugendlichen“ Gangway-Springer. Mit einem preiswerten 25-Euro-Gipsbein, angebrochenem Fuß und auf Krücken Modell Mittelalter humpelte er über den „Tatort Gangway“ zurück an Bord. Die vorläufige Endstation hieß Koje mit hochgelegtem Bein. Bange Frage: Ende der Reise? Fasst sah es so aus. Wären da nicht die Lipperts und Schmidt-Walthers Frau Rosemarie gewesen. Sie beschafften einen Rollstuhl und chauffierten fortan den Blessierten. Sowohl über die beiden Fahrstühle durchs Schiff als auch während der späteren Ausflüge an Land.
Nächste Krankenhausstation war das bulgarische Russe. Gegen 50 Euro bar in die Hand des Arztes wurde der Gips gewechselt und mit einem Gehpolster versehen. Als barmherziger Samariter übernahm fortan „Lippi“ die schwierigen Passagen von Anlegestellen, Treppen und maroden Bürgersteigen. „Fast so kräftezehrend“, meinte er grinsend, „wie meine ´Störtebeker`-Auftritte im Sand von Ralswiek“. In Budapest bugsierte er den Rolli nach Torero-Manier zwischen anrollenden Straßenbahnen hindurch, das Belgrader Verkehrschaos bewältigte er slalommäßig wedelnd. „Ein gutes Fitness-Training“, lachte er und versüßte die kilometerlangen Landgänge mit allerlei Jokes. „Wir sind ein echter Schub-Verband“, stellte er scharfsinnig fest. Als Schmidt-Walther eine Zeitlang allein war, drückte ihm ein mitleidiger Passant etwas in die Hand: eine Kastanie. Almosen auf jugoslawisch.

Glück gehabt!
Im rumänischen Teil des Donau-Deltas verfrachtete der unprätentiöse Star den lahmgelegten Journalisten sogar auf einen Ausflugsdampfer. So konnten alle das Naturparadies, Wendepunkt der 17-tägigen Reise, unbeschwert genießen. Kurz bevor die Region wegen Vogelgrippe gesperrt wurde. Glück gehabt, auch damit! Tagesmotto diesmal: „Es geschieht zu jeder Zeit etwas Unerwartetes; unter anderem ist deshalb das Leben so interessant“.


Die Zeit während der fast hochsommerlich sonnig-warmen Flusstage zwischen den Anlandungen nutzte Lippert auch zum Rollenstudium. Im Liegestuhl an Deck. Seine Frau hörte ihn von Zeit zu Zeit ab. Im Januar soll´s, verriet er, auf Tournee gehen. 50 Aufführungen sind geplant. Mit dabei die bekannten früheren DDR-Mimen Herbert Köfer, Achim Kaps und Dorit Gäbler. Regie führt Hartmut Ostrowsky. Titel des Stücks von Wilde: „Der Liebesfall“. „Den Fall hatten wir ja schon“, witzelte Lippert. Seine Mitreisenden unterhielt der vielseitige Sänger, Schauspieler und Moderator mit einem „Talk an Bord“. Höhepunkt seiner amüsanten Salon-Show war natürlich – was sonst? - „Erna kommt“.  Ein in Ost und West bekannter Ohrwurm. Die Stimmung schlug Wellen. Während hoch oben auf der Brücke Magners österreichischer Kapitäns-Kollege Hermann Schuster, passionierter Reiter und Jäger, das 101 Meter lange schweizerische Kreuzfahrtschiff in eine der 14 Schleusen manövrierte. Zentimeter um Zentimeter tauchte der 1200-Tonner aus der 18 Meter tiefen Finsternis ans Licht. „Nicht nur ein gutes Omen, sondern auch eine Weltpremiere - für ´Erna`“, kommentierte Lippert unter großem Beifall spontan das Ereignis.                                                                                   
                                                                                                                                               PSW



 
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