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Wo der Käfer Wale trifft
Geschrieben am Wednesday, 02.November. @ 09:00:00 CET von redaktion

Kreuzfahrt allgemein Der lange Land-See-Marsch vom Popocatepetl an den Sund
Kaum zu glauben! Der nagelneue "New Beetle" im Stralsunder Autohaus hat nur 90 Kilometer auf dem Tacho, aber schon 12.000 Kilometer zurückgelegt. Wie das geht?

Ortswechsel. Mexiko, am Rande der Viereinhalb-Millionenstadt Puebla. In Sichtweite des symbolträchtigen Vulkans Popocatepetl produzieren 16.000 Menschen im größten Betrieb Mexikos Volkswagen der Typen Jetta, Golf Cabrio, Käfer und dessen Nachfolger New Beetle. In wenigen Augenblicken rollt auch „mein“ Käfer vom Band – genau das Auto, das ich von seinem Geburtsort Puebla ins ferne, heimatliche Stralsund begleiten will.


Bevor wir uns auf den Weg machen, steht noch ein Blitzlichtgewitter an: Fototermin in der Hallenmitte mit Manfred Saake, New-Beetle-Produktionschef, und den Qualitätskontrolleu-ren vor dem knallgelben Gefährt. Danach wird der Wagen mit dem deutschen Kennzeichen HST (für Hansestadt Stralsund) und NB (für New Beetle) versehen. Eine polizeiliche Son-dergenehmigung für das Lenken eines Exportfahrzeugs haben die PR-Leute von Volkswagen de Mexico organisiert.


„Buenvenido – willkommen!“, grüßt der rundlich-gemütliche Fernfahrer Victor Mazorca, auf dessen siebenachsigem Sattelzug mein Käfer die 350 Kilometer bis zur Küste von Veracruz zurücklegen soll. Beim Aufladen bildet sich schnell eine Zuschauertraube um den 485-PS-Brummi. Aha, nach Deutschland soll es gehen. Aber: „Donde esta Schtralsunde? Wo liegt Stralsund?“ Die vorsorglich eingesteckte Deutschland-Karte klärt auf. Bald kreist ein halbes Dutzend Finger um die Hansestadt. „Ah, comprende“.
Von der über 2.200 Meter hohen, wohltemperierten Hochebene „Altiplano“ mit ihrer braunen Steppenvegetation rollen wir hinunter ins feucht-warme, sattgrüne Küstentiefland. Bis der Golf von Mexiko am Horizont aufblitzt.
Mir winkt jetzt eine „Testfahrt“ durch die Millionenstadt Veracruz. Sightseeing – schön! Aber im brandneuen Wagen durch dieses Gedränge? Meine Hände kleben am Lenkrad, die Haare stehen mir zu Berge. Doch das anfangs noch schweißtreibende mittelamerikanische „Autoscooter“-System klappt – mit viel Gehupe, aber keinesfalls verbissen. Fahrspaß auf mexikanisch.


Ein Schiff wird kommen
Über Nacht wird „HST-NB 1“ in einer hafeneigenen Riesengarage untergestellt – der größ-ten Lateinamerikas. Hier warten bis zu 4.200 Autos auf ihre Verschiffung, pro Jahr kommen da schon 230.000 Fahrzeuge zusammen. Zweimal pro Woche heißt es für Volkswagen de Mexico „ein Schiff wird kommen“. Das taucht bald am Horizont auf. Ein riesiger Kasten in Grau-Braun schiebt sich um die Mole. „Oriental Highway“ prangt am Steven, darunter japanische Schriftzeichen. Im Innern dunkle Kajüten, Gemeinschaftsduschen und eiskalte Luft aus zwei Löchern in der Decke. „Air condition, zwanzig Jahre alt“, lächelt  Kapitän Yoshiyuki Yasuda von der japanischen Reederei K-Line entschuldigend. Aber sauber ist es hier, stelle ich angesichts blankgewienerter Gänge, frischer Bettwäsche und Handtücher fest. Jede Menge Musikkassetten, Lesestoff und meinen Laptop habe ich schließlich auch noch eingepackt – endlich wieder Muße für so etwas. Doch zuerst wird „HST-NB 1“ noch durch je drei reißfeste Gurte vorn und hinten an Deck verhakt und seefest gelascht.


Die schweren Leinen klatschen ins Wasser. Zwei Schlepper zerren den 175 Meter langen Autocarrier aus dem Hafenbecken. 13.000 japanische Dieselpferde stimmen ihr gleichmäßig wummerndes Lied und bringen den mächtigen Sieben-Meter-Propeller unter der Regie von Chief Michinori Sakiyama langsam auf Touren. Bei zeitweilig über 19 Knoten und 2.550 Volkswagen auf elf Decks „fliegen“ wir mit dem Strom quer durch den Golf von Mexiko, rutschen zwischen Kuba und Florida hindurch nach Norden. Aus der Wärme geht es in die Kälte – bis an die Treibeisgrenze südlich von Neufundland. Lange Strecken schwimmen Delphine und Wale „Eskorte“.
Während sich das berüchtigte Bermuda-Dreieck noch harmlos gibt, stöhnt und ächzt das Schiff im Nordatlantik unter den Hammerschlägen der hoch gehenden See. Meine an der Wand baumelnden Jeans künden von stürmischen Zeiten. Rolling home – „HST-NB 1“ ruckt nur an seinen Gurten, besteht die Schaukelprobe aber problemlos. Nach Zwischenstopps in Boston und Philadelphia mit Landgang bleiben unterm Strich 602 Beetle plus meine Nr. 1 an Bord unseres elfstöckigen schwimmenden Parkhauses. Vor uns liegt eine neuntägige 3.500-Seemeilen-Reise mit stellenweise 5.000 Metern Tiefe unterm Kiel, Kurs Emden in Ostfriesland. 4.400 Tonnen Wasserballast in den Schiffstanks sorgen für Stabilität.

Rolling home auf nassem Highway
Es duftet verlockend. Täglich um punkt zwölf verkünden zwei lange Dröhner die Mittags-pause. Doch der altertümliche Herd ist auch sonst ständig umlagert. Immer halten ein paar Männer der 22köpfigen Besatzung dort ein Schwätzchen. Die beiden Köche Emiliano Laroa und Ronald Guevarra sind wahre Zauberer. Was sie dreimal täglich auftischen, kann sich nicht nur schmecken, sondern auch sehen lassen: Vom chinesischen Domburi über philippi-nische Mongo Soup bis hin zum stilechten japanischen Sushi mit rohem Fisch. Wer möchte, kann auch selbst kochen oder Stäbchen benutzen: Kapitän und Chief, die beiden einzigen Japaner an Bord, sehen’s mit Wohlgefallen.
Die fahrt verläuft ruhig, „HST-NB 1“ erweist sich als Glückskäfer für die Crew: „Ihr Beetle hat uns gutes Wetter eingebracht – so schnell verlief die Reise schon lange nicht mehr“, zieht Kapitän Yasuda zufrieden Bilanz. Ein längerer Landgang in Emden winkt. Als „mein“ flotter Gelber in der ostfriesischen Hafenstadt als erster an Land rollt, von den Hafenarbei-tern mit Beifall begrüßt, verwehen die Abschiedsworte des Ersten Offiziers Juanito Morco im eiskalten Nordseewind: „Komm gut nach Hause und grüß´ mir Schtralsunde schön!“
Am Ende der Reise stehen Empfang und Wagenübergabe am Sund. Hier bekommt der New Beetle endlich auch einen Namen: „Speedy“ – ohne Gonzales. Getauft wird selbstverständ-lich mit echtem, aus Puebla mitgebrachten Tequila.
                                                                                                             

Peer Schmidt-Walther



 
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