Kleiner Schnuppertörn auf Riesenfrachter
„Das mit dem Auslaufen kann 10, 12, 14 oder auch 22 Uhr werden“, ist sich Schiffsmakler Bruno Kuchanski am Telefon nicht ganz sicher, „das hängt wie immer vom Pegel ab.“ Fest seht jedoch, dass „mein“ Schiff an diesem Tag im Hamburger Hafen liegt. Die knapp 80.000 Tonnen große MS „CMA CGM Voltaire“ lädt Container für ihre bevorstehende Ostasien-Rundreise. 56 Tage soll sie dauern. Wir wollen allerdings nur mal acht Tage „schnuppern“.
LKW-Stau vor dem Hafentor am Burchardt-Kai. Die Weiterfahrt ist nur mit dem Terminal-Bus erlaubt, über dem eine gelbe Rundumleuchte blinkt. „Zu gefährlich hier“, meint der Fahrer und fragt, wo es denn hingehen solle. In scharfem Tempo karriolt er durch dunkle Container-Schluchten und -Gebirge. Quietschend schieben sich plötzlich Güterwaggons ins Bild, von warnenden Lokpfiffen untermalt. Gleich hinter den Schienen springt – Schreck in der Abendstunde! - ein Mann auf die Straße. Gestukulierend und radebrechend sucht der verirrte russische Fernfahrer den Ausgang. Spätestens jetzt wird dem Besucher klar, dass man hier chauffiert werden muss.
Wir stoppen vor einer dunkelblauen Bordwand. CMA CGM steht in zehn Meter hohen weißen Lettern dran. Angekommen! Über uns schweben unter Sirenengeheul Container an und von Bord.
Auf schwankender Gangway balancieren wir in die Höhe. Hafenarbeiter drücken sich eilig an uns vorbei nach unten: Schichtende. „Gute Reise!“, wünschen einige.
Durch acht Decks saust der Fahrstuhl nach oben. Kapitäns-„Musterung“ über randlose Brillengläser hinweg: „Willkommen an Bord! Haben Sie Ticket und Pass dabei?“ Der Rostocker checkt kurz unsere Papiere, die auf einem Stapel neben dem Computer landen. „Tja, dann richten Sie sich mal häuslich ein“, hören wir noch. Spricht´s und wendet sich wieder seinen Geschäften zu. Für „lebende Ladung“ ist vor dem Auslaufen wenig Zeit.
Hafenstress und Bierrunde
Unsere Eigner-Kabine entpuppt sich als gemütlich: Doppelbett, Ecksofa, Stühle, Kühlschrank, Video-Musik-Anlage, Schreibtisch, Kleiderschrank, Bad – und Blick durch drei Fenster nach vorn auf bunte Containerstapel. Die Kräne arbeiten immer noch emsig, greifen Blechkisten und packen sie in die Laderäume.
18 Uhr: Abendbrot in der Offiziersmesse. An unsrem Tisch noch zwei weitere Passagiere. „Frachterreise-Fans“, wie sie bekennen. Nach erstem Beschnuppern zwischen Suppe und Steak wird eine Begrüßungs-Bierrunde in der Bar verabredet. Doch es fehlt an Bier. Trotz Hafenstress rückt der Kapitän einen Karton heraus. Bis zum Auslaufen ist noch Zeit zum Erzählen. Die Südddeutschen kommen ins Schwärmen: Schiffe und Häfen lassen sie Revue passieren. Welterfahren. Begeistert sind wir von dem modernen (Baujahr 2002 in Korea), großen Schiff, den geräumigen, bestens eingerichteten Kabinen, Pool, Fitnessraum und Sauna.
Pünktlich um 22 Uhr erzittert der Koloss. Rund 100.000 PS, die den stärksten Dieselmotor der Welt antreiben, geraten in Bewegung. Von der Brücke aus, dem scherzhaft genannten „Café Stehblick“ – auf einem Kreuzfahrer absolute Tabuzone - verfolgen wir das Ablegemanöver, 45 Meter über der Elbe. Hier ist man als Passagier hautnah dabei.
Bald verschwimmen die „roten Laternen“ von St. Pauli im Kielwasser. Anerkennende Lotsen-Worte: „Ganz schöner Kasten, die ´Voltaire`!“ Kurz darauf ist typisches Funkkauderwelsch zu hören, zum Beispiel: „Gretje ist jetzt beim Teufel“; nicht etwa eine Anspielung auf Goethes „Faust“, sondern die Mitteilung, dass der Küstenfrachter „Gretje“ gerade Teufelsbrück passiert habe. Die Schlepper werfen los und drehen ab. Der Riese schleicht allein weiter.
FKK auf hoher See
Das Villenviertel von Blankenese leuchtet vornehm zurückhaltend von den Ufer-Steilhängen. Stumm die Schiffsbegrüßungsanlage in Schulau. Wegen Dunkelheit fällt der rührselige Abschied ins Wasser. Keine Hymnen, keine Tränen. Bis zum Lotsenwechsel vor Brunsbüttel halten wir aus und schauen den Nautikern bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit über die Schultern. Ihre Gesichter leuchten grün im Schein der Radarschirme.
Das Grummeln des gewaltigen Zwölfzylinders garantiert seligen Schlummer. Letzter Lotsenwechsel bei „Elbe I“ im Tiefschlaf. Wiegengefühle bei Nordsee-Wellen.
Nach dem opulenten Frühstück „Morgen-Dienst“: Sicherheitseinweisung durch den Zweiten Offizier. Auf einer Liste hakt er penibel alles ab: Rettungsweste, Schutzhelm, Notausstiege, Sammelplatz, Feuerlöscher. Pottendicker Nebel unterstreicht diese lebenswichtige Aktion eindringlich. Ins Schwitzen bringt uns erst die Sauna. Nach der Abkühlung im Pool geht´s hüllenlos an die frische Luft. FKK auf See.
Am Abend tastet sich „CMA CGM Voltaire“ in die Einfahrt des belgischen Hafens Zeebrügge. Das schlafende Seebad verlockt noch nicht zum Landgang, doch am nächsten Morgen bei strahlendem Himmel. Gelegenheit für Aussenaufnahmen vom Schiff, Gespräche mit freundlichen Kabeljau-Anglern, Promenaden-Auslauf, am Strand und in den Dünen. Ein Modellfischkutter geht als Souvenir mit an Bord.
Typisch englisch
Der Frachter hat am Spätnachmittag seine Nase wieder in See gesteckt. Voraus versinkt ein glühender Sonnenball im Englischen Kanal. Autobahnmäßig dichter Schiffseinbahn- und Fähren-Querverkehr zwingen den Kapitän zur Daueranwesenheit auf der Brücke. Stress bis in die Morgenstunden. Englische und französische Küste sind zu Glühwürmchen-Ketten geschrumpft. Bei der Kojen-Lektüre von Lothar-Günther Buchheims Roman „Die Festung“ frage ich mich, wie das hier wohl 1944 während der alliierten Invasion ausgesehen haben muss.
Gewundener Flusskurs bis zum Terminal von Southampton. Gleich nach dem Festmachen schweben wieder Container durch die Luft. Gleiches Lade- und Lösch-Szenario wie in Hamburg und Zeebrügge, nur mit unterschiedlichem Hintergrund. Hier sind es Fachwerk-Cottages, Wiesen und Weiden, typisch englisch eben.
Nach einer 2000-Seemeilen-Schnupper-Woche ab Hamburg – nicht einmal die berüchtigte Biskaya ha unserem Riesen etwas anhaben können - kommt das „Container-Drehkreuz“ des Mittelmeeres in Sicht. Gelb-braune Steilküsten werden von blauen Container-Kränen und - Gebirgen überragt: Malta voraus! Von hier wird „Voltaire“-Ladung in andere Mittelmeer-Häfen verteilt. Zeit zum Abschiednehmen, aber zu schade für einen übergangslosen Flug an die heimische Ostsee-Küste. Wir nisten uns noch für ein paar Tage auf dem nordmaltesischen Inselchen Comino ein. Später sehen wir „CMA CGM Voltaire“ vom Hotel-Balkon als Modellschiff über den fernen Horizont kriechen – Kurs Ostasien. Irgendwann wollen auch wir bis Shanghai an Bord bleiben.
Peer Schmidt-Walther
Informationen MS „CMA CGM VOLTAIRE“
Daten:
Bauwerft: Hanjin Heavy Industries & Construction Co. Ltd, Pusan, Südkorea; Klassifikation: höchste Klasse Germanischer Lloyd (GL) +/100 A 5 Containership IW; Eigner: Buxcoast Limited; Management: NSB Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft-GmbH & Co. KG, Buxtehude; Ablieferung: .2002; Charterer: CMA CGM SA (The French Line), Marseille, größte Containerschiffs-Reederei Frankreichs; Schwesterschiff: „CMA CGM VERLAINE“ (ähnlich: „CMA CGM BEAUDELAIRE“, „CMA CGM BALZAC“); Einsatz: Europa – Fernost für FAL (French Asia Line); Größe: 72.760 BRZ, 79.559 tdw (bei Maximaltiefgang 14,52 m), 300,3 m Länge, 40,3 m Breite, 24,1 m Seitenhöhe; Gesamthöhe: 59 m, 26.613,9 t Schiffsgewicht; TEU-Gesamtkapazität 6.447 (8 Laderäume, 16 Luken; Hauptantrieb: in Hyundai-Lizenz gebauter MAN B & W-Langsamläufer 12K98MC-C, 68.520 kW/93.120 PS, Trockengewicht 2095 t; Verbrauch: 260 – 300 t (maximal) Schweröl/Tag, sechsflügeliger Propeller, 8,8 m Durchmesser, 92 t, Schraubenwelle 250 t, Kurbelwelle 420 t Gewicht ; Geschwindigkeit: 30 Knoten (maximal), 27 Knoten (Dienst); Hilfsdiesel: 3 Generatoren zu je 2800 kW, 2000 kW-Bugstrahlruder, 550 kW Notaggregat; Müllverbrennungsanlage, Frischwassererzeuger (25 t/Tag); modernste Satelliten-Navigations- u. Kommunikationsanlage, u.a. Antikollisionsradar; Besatzung: 22 Mann; Passagiere: 5; Flagge: deutsch
Reiseroute:
Hamburg-Zeebrügge-Southhampton-Malta-Suez Kanal, Khor Fakkan/Emirate, Hongkong-Shanghai-Ningbo-Yantian-Hongkong-Port Kelang/Malaysia-Suez Kanal, Malta-Le Havre-Rotterdam-Hamburg (auch Einzelstrecken buchbar); Visum: für China notwendig ( EUR 20);
Rundreisedauer: 56 Tage;
Ausstattung:
Fahrstuhl, Innenpool, Sauna, Fitnessraum, Video-/TV-Raum, Aufenthaltsraum/Bar, Liegestühle, Waschmaschine/Trockner/Trockenraum, Handtücher, Bettwäsche, Kabinenreinigung (wöchentlich), Steward;
Kabinen:
2 Doppelkabinen (Eigner, Zahlmeister), F-Deck (Steuerbord Mitte, Backbord Mitte), ca. 30 qm inkl. Bad, 1 Wohn-, 1 Schlafraum (Doppelbett: 2,05 x 1,80 m), DU/WC, Kleiderschrank, Kühlschrank, TV/Video, Kassetten-/CD-Recorder, 2 Sofas, Tisch, Schreibtisch, Sideboard, 3 Stühle, Teppichboden, 4 Fenster mit Ausblick nach vorne;
Preise: EUR 90,00 pro Pers./Tag, Alleinbenutzung EUR 105,00
1 Einzelkabine (Supercargo), E-Deck (Backbord Mitte), 18 qm inkl. Bad, 1 Schlaf-/Wohnraum (Bett: 2,05 x 1,25 m), DU/WC, Kleiderschrank, Kühlschrank, Sofa, Sessel, Tisch, Stuhl, Teppichboden, TV-Anschluss, Ausblick (kann manchmal auch durch Container verstellt sein) nach vorn;
Preis: EUR 85 pro Tag
Infos/Prospekte/Buchung:
NSB Reisebüro GmbH/Frachtschiff-Touristik, Violenstraße 22, 28195 Bremen; Tel.: 0421-338 80-20, Fax: 338 80-90; E-mail: info@nsb-reisebuero.de; NSB organisiert auch Flüge, Hotelaufenthalte etc.