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Reisebericht: MS Astoria
Geschrieben am Friday, 29.July. @ 05:00:00 CEST von redaktion

Kreuzfahrt allgemein

Orinoco – auf nach El Dorado !
Eintauchen in die „grüne Hölle“ mit MS „ASTORIA“ -Schlammig-braun lässt der Orinoco grüßen. Zur Frühstückszeit, Meilen vor der Mündung. Aber der Flussgigant denkt nicht daran, sich mit dem tintenblauen Atlantik zu vermischen. Der erste Weiße, der die Orinoco-Fluten weit draußen vor der Küste sichtete, war kein geringerer als Christoph Columbus: „Noch nie habe ich von so viel Süßwasser mitten in einem Salzmeer gelesen oder gehört.“ Sein Sohn Ferdinand schrieb über den Zusammenprall von Orinoco und Atlantik: „Der Lärm der Wellen lässt glauben, die Wasser kämpften gegeneinander ... diese Berge von Wellen von der Größe unserer zwei Schiffe ließen uns um deren Sicherheit fürchten.“



Voraus ein sattgrüner Saum: Venezuelas Nordost-Küste. Wie zur Begrüßung schnellen Süßwasser-Delphine aus dem Flussbett. "Astoria" dampft dem Höhepunkt der Reise entgegen. Für viele Mitreisenden der entscheidende Buchungsgrund.
Erzfrachter, am Rande des Fahrrinnenschlauchs auf Ladung wartend, künden von reichen Bodenschätzen, zur Zeit des großen Goldrausches "El Dorado" genannt. Der warme Morgenregen und 28 Grad Lufttemperatur sind untrügliche Indizien für den nahen tropischen Regenwald. Exotisch-würzige Düfte wehen in Fahnen herüber. Durch den südlichen Deltaarm fädelt sich unser schnittiger Liner ins Landesinnere, immer am Ariadne-Faden der schräg liegenden Fahrwassertonnen entlang.

Neues Spiel, neues Glück
Nach allen Seiten offene Fischerhütten mit Palmwedeldächern auf wackligen Stelzen – „fully airconditioned“ bemerkt jemand grinsend – kleben am lehmigen Ufer. Inseln von Wasserhyazinthen trudeln dem Schiff entgegen und werden von dessem scharfen Steven durchschnitten. Treibende Baumstämme müssen, wenn der gewundene Fluss-Kurs es erlaubt, respektvoll ausmanövriert werden. Die Schrauben könnten eine Berührung übelnehmen.


Plötzlich dünne Schreie vom Wasser her. Indios in schlanken Einbäumen stochern verbissen mit der "Astoria" um die Wette oder brettern in Motorbooten nebenher. Sie wissen warum. Vom Mannschaftsdeck fliegen Plastiktüten, die gleich aufgefischt werden, ins Kielwasser. „Alte Kleidung und Essensreste“, klärt mich ein Matrose auf. Schreie und Paddelei haben sich für die Regenwald-Bewohner gelohnt. Anscheinend kennen sie den Fahrplan. Mit jedem Schiff heisst es: neues „Spiel“, neues Glück für Dutzende von Familien am Unterlauf des Orinoco. Selbst Kleinkinder sind mit von der wacklig-feuchten Jagdpartie nach Wohlstandsresten aus einer anderen Welt.

Reggae-Sound im Erzhafen
 „Eindrucksvoller als die Amazonas-Fahrt ist die auf dem Orinoco allemal!“, meint ein „altgedienter“ Kreuzfahrer. Nicht Kilometer trennen hier von Einblicken in tropischen Wald und Indiohütten, sondern manchmal nur fünfzig bis hundert Meter. Selbst ein paar mit Macheten bewaffneten Indio-Jäger  können wir ohne Fernglas am Ufer ausmachen.
Kurz vor Mitternacht wird - nach 360 Kilometern kurvenreicher „Bergfahrt“ flussaufwärts -, der Maschinentelegraf auf „Stopp“ gelegt. Das Festmachen an der haushohen Pier, sonst nur riesigen Massengutfrachtern belegt, gerät zum nautischen Problem. Wir übernachten im Erzhafen Puerto Ordaz. Gut bewacht von venezolanischen Soldaten. Untermalt von stilechten Raggea-Klängen. Bill Newman, der Deutsch-Kanadier mit portugiesischen Guyana-Auswanderer-Wurzeln, gibt seine selbstkomponierten und -getexteten Songs während einer kleinen Privat-Show zum Besten.

Vom El Dorado zum Teufelsberg
Kontraststarke Ausblicke am nächsten Morgen: rechts auf eine düstere Industriekulisse mit rostroten Eisenerzhalden und endlos ratternden Förderbändern, links über den Fluss auf ein von tropischem Regenwald umzingeltes „Manhattan". Jung ist Ciudad Guayana, eine Gründung der Orinoco Mining Company. Wo vor über 50 Jahren nur Urwald wucherte, leben heute schon fast eine Million Menschen von der Arbeit in gigantischen Aluminium-, Eisen- und Stahlkochereien – Symbole des modernen El Dorado. Gold wird nur noch in geringen Mengen gefördert, an der Küste dafür „schwarzes Gold“: Erdöl. Umweltfreundliche Energie aus Wasserkraft – 40 Prozent des venezolanischen Gesamtbedarfs – liefert der stadtnahe Stausee, so groß wie die Niederlande.
Der Charterflieger jettet über scheinbar endlosen, von Brandrodung und Abholzung zerfressenen Dschungel. Er steuert den Ayan-Tepuy (Teufelsberg) an, kurvt in einen Canyon und scheint knapp die Bergflanken zu rasieren. Beim Blick nach oben fährt uns der Schreck in die Glieder: steil aufragende Gipfel begrenzen den Blick. Die Flughöhe ist geradezu atemberaubend, bis in einer Wolkenlücke die Angel-Fälle vorbei fliegen. Mit 964 Metern sind sie Rekordhalter als höchste Wasserfälle der Welt. In Venezuela setzt man gern noch eins drauf. Das momentan fadendünne, langgezogene Rinnsal – „schuld“ ist die Trockenzeit – wird gar zum „Weltwunder“ erhoben.

Abkühlung und Superlative
Weniger trocken geht es am Rande des Canaima Camps zu, dem Ziel unserer sechzigminütigen Flug-Exkursion. In einer von Eisenoxyd rotgefärbten Lagune, die von sieben Wasserfällen gespeist wird, umsäumt von rosafarbenem Sand und Tropengrün, kann man einigermaßen abkühlen. Auch auf einer Einbaum-Panoramafahrt entlang der Wasserkaskaden. Eine Buschwanderung bei 35 Grad ist schon eher etwas für „abgekochtere“ Gemüter.
In der Nacht drückt ein Schlepper die "Astoria" wieder ins träge dahinströmende Fahrwasser. Wir können noch einmal 2000 Seemeilen oder eine Woche bis zum Endhafen in Florida genießen.


Am nächsten Morgen tastet sich das Motorschiff an der Peripherie des Deltas entlang, das sich jährlich um 45 Meter in den Atlantik vorschiebt, wie man über Lautsprecher hört. In 100 Jahren hat der Orinoco Venezuela um 900 Quadratkilometer bereichert, immerhin die Größe Berlins. Superlative kennzeichnen den Orinoco-Lauf, das zweitgrößte Flusssystem Südamerikas mit 2.140 Kilometer Länge und 200 großen Nebenflüssen. Jährlicher Abfluss in den Atlantik: eine Billion Kubikmeter. Das sind 32.000 pro Sekunde, aber „nur“ ein Sechstel der Amazonas-Wassermenge. „Absolut nicht vorstellbar“, meint eine Relingsnachbarin.
Die vertraute Atlantik-Dünung wiegt uns bald in einen wohligen Schlaf.

 

Dr. Peer Schmidt-Walther

 

 


 



 
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